„Herr Markus“, fragt die Nachbarin, „könnten Sie einen Brief für mich aufgeben?“ „Aber selbstverständlich, jederzeit, sehr gern“, sagt Herr Markus. Die Nachbarin reicht ihm den Brief übern Zaun. „Ich habe meiner Kusine geschrieben. Endlich hab ich mich aufgerafft. Jetzt ist mir leichter. Alles, dass es mir reicht, dass sie nur winkt und ich soll springen, dass sie immer anschaffen will! Dass man neben ihr gar kein eigener Mensch sein kann!“ Herr Markus steckt den Brief in die Manteltasche. Er geht in die Stadt. Er sucht einen Briefkasten. Endlich findet er einen in einer Nebengasse. Wer weiß, ob der heute noch geleert wird, denkt Herr Markus, er sieht so einsam und verlassen aus.
Er sucht wieder einen Briefkasten, findet aber keinen. Bei einer Würstelbude isst er ein Paar Debreziner und redet mit dem Würstelmann darüber, wie seltsam es ist, das in einer so großen Stadt so wenig Briefkästen zu finden sind. Dann geht er heim. Die Nachbarin wartet am Zaun. „Herr Markus, haben Sie den Brief für mich aufgegeben?“ Er wird ganz verlegen. „Es tut mir Leid. Ich trage den Brief zum Hauptpostamt!“ Die Nachbarin streckt die Hand aus. „Geben Sie mir den Brief zurück, bitte!“
„Entschuldigen Sie, dass ich so unverlässlich bin ...“ „Oh, auf Sie ist mehr Verlass, als Sie selber glauben“, sagt die Nachbarin und zerreißt den Brief in kleine Fetzen. „Meine Kusine hat nämlich angerufen, wissen Sie, sie hat Grippe gehabt, aber nächste Woche will sie mich besuchen! ‘Kommt nicht in Frage, hab ich gesagt: Du bleibst mir schön im Bett , und ich backe eine Biskuitroulade und komme gleich morgen zu dir!’“ „Vielleicht auch ein Apfelkompott...?“, sagt Herr Markus. „Auf jeden Fall!“, sagt die Nachbarin.
Gekürzt aus „Herr Markus, Schmunzelgeschichten für alle Tage“ v. Lene Mayer-Skumanz, Winfried Opgenoorth, Verlag St. Gabriel, Mödling–Wien.