Die alttestamentliche Lesung berichtet von der Berufung des jungen Samuel. Wiederum schenkt Gott hier seinem Volk einen Neuanfang, eine Wende in seiner Glaubensgeschichte, indem er jemanden beruft – hier ist es der spätere Prophet Samuel.Die Erzählung entpuppt sich bei näherem Zusehen als eine Dreiecksgeschichte: Da ist einerseits Gott. Er will aus sich selbst heraus ausbrechen, aus Liebe wendet er sich seinem Volk zu und will sein Heil wirken. Deshalb spricht er Samuel an, eine echte personale Beziehung entsteht, in der sich Samuel beim Namen gerufen weiß. Mit „Samuel, Samuel“ wird Gott zum Du, das herausruft aus Anonymität und Bedeutungslosigkeit, das Identität und Lebenssinn stiftet. Gott wird zum Du, das mit der Berufung dem Leben Samuels neu Richtung verleiht – nicht nur für sich selbst, sondern ganz wesentlich für andere und d. h. für das gesamte Volk Israel.
Diesen Ruf Gottes zu vermitteln und zu erkennen, hilft der alte Priester Eli, in dessen Diensten der junge Samuel steht. Eli stellt seine eigene Glaubenserfahrung zur Verfügung. Er dient der Berufung Samuels, indem er die Unruhe des Jüngeren weder beiseite schiebt noch unterdrückt, sondern sie voll und ganz zulässt. Dass sein eigener Stern im Sinken begriffen ist, der Samuels steigt, erfüllt Eli nicht mit Hass oder Neid. Und er deutet sie als Stimme Gottes, der durch sein Rufen Samuels erneut in unsere Menschheitgeschichte hereinbrechen und heilend wirken will.
Samuel selbst erscheint zunächst passiv: Von seiner Mutter Hanna war er an den Tempel Gottes nach Schilo gesandt worden, um dort unter der Aufsicht Elis zu dienen, auch und gerade, wenn er den Herrn noch nicht kannte. Beiden, Gott und Eli, ist sein Leben anvertraut, weshalb Samuel offen und bereit ist, zu kommen, wenn man ihn ruft, und den Dienst zu tun, er ihm übertragen wird – auch wenn er das Geschehen um ihn zunächst gar nicht einzuordnen vermag. Samuel ist bereit zu hören, offen zu empfangen und verfügbar, den Willen des Rufenden zu erfüllen.
Ich empfinde diesen Text als Einladung an mich, Gottes Ruf gegenüber in meinem Leben offen zu bleiben, bereit zu sein zum Hören wie zum Handeln, wenn und wie er es will. Der Text ist Ermunterung, meine eigene Erfahrung im Leben wie im Glauben nicht für mich zu behalten, sondern sie für andere auch in dem Sinne nutzbar zu machen, dass ich sie begleiten darf, wenn sie versuchen, ihre persönliche Berufung zu erkennen. Und nicht zuletzt und vor allem aber bezeugt die Lesung aber Gott, der uns dazu einlädt, bei seiner Heilsgeschichte aktiv mitzutun.