Der ganze Mensch ist von Gott geschaffen. Mit allem, was ihn unverwechselbar auszeichnet, mit seinem Fühlen, Denken und Handeln. Die Überlieferungen des Judentums leiten den Menschen an, sich dieser Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf täglich zu vergewissern. Bei den scheinbar nebensächlichen Verrichtungen zu Tagesbeginn lassen sie innehalten; es ist nicht selbstverständlich, aufzuwachen, die Augen zu öffnen, aufzustehen . . . als Menschen verdanken wir dies der helfenden Gegenwart Gottes.
In den schriftlichen Überlieferungen des Talmud wird der Zusammenhang zwischen dem alltäglichen Leben und den Segenssprüchen, dem Lobpreis Gottes so beschrieben: „Wenn man die Augen öffnet, spreche man: Gesegnet sei er, der Blinde sehend macht“ (Ps 146, 8). Wenn man sich aufrichtet und hinsetzt, spreche man: „Gesegnet sei er, der Gefesselte löst“ (Ps 146,7). Wenn man sich anzieht, spreche man: „Gesegnet sei er, der Nackte bekleidet“ (Gen 3, 21) . . .
Bevor er Gott um etwas bittet, muss der Mensch anerkennen, dass er nicht aus eigener Kraft, sondern aus dem lebt, was ihm der Schöpfer gibt. Darum trage stets zuerst die Lobpreisung des Heiligen, gesegnet sei er, vor, und nachher bete, so die Rabbinen. Die Reihe der Segenssprüche am Morgen verbindet alle Betenden in einer Gemeinschaft. Sie richten sich vertrauensvoll an den persönlichen Gott („unser Gott“) und anerkennen zugleich Gottes Unverfügbarkeit für den Menschen („König der Welt“). Der betende Mensch lobt Gott in der Gewissheit, dass seine Stimme ihn erreicht, und er beugt sich Gottes Willen in der gleichen Gewissheit, dass er weiß, wie mit seinen Bitten umzugehen ist.
Die Segnungen des Schöpfers am Morgen enden aber nicht in den gesprochenen Worten. Sie verändern den Beter. Wie könnte jemand Gott ehrlich preisen, „der Nackte bekleidet“, den das Geschick des Nächsten nicht berührte?
Es heißt, so lehrten die Weisen: „Eurem Gott sollt ihr folgen (Gen 3, 21). Allein es ist so gemeint, dass man den Handlungen des Heiligen, gepriesen sei er, folge: Wie Gott die Nackten kleidet, so kleide auch du die Nackten. Wie Gott die Kranken besucht und die Trauernden tröstet . . .“
Brigitte Huemer. Zitate aus: Dieter Vetter, Gebete des Judentums, 1995.