17. Jänner: Österreichs Christen begehen erstmals „Tag des Judentums“
Ausgabe: 2000/02, Juden, Clemens Maria Streubel, Maria, Christen
12.01.2000
- Walter Achleitner
Statt Vorurteile zu pflegen, setzt Clemens Maria Streubel auf Versöhnung und Frieden: den Auftrag jener Bibel, die Juden und Christen verbindet.
„Zu einem lebendigen christlichen Leben gehört für mich die positive Haltung gegenüber dem Judentum. Schließlich“, so meint Sr. Clemens Maria Streubel, „leben wir Christen aus jüdischen Wurzeln. Und wir müssen heute nicht nur lernen, diese richtig zu sehen, sondern auch zu schätzen.“ Eine Erfahrung, die die gebürtige Wienerin in den 36 Jahren ihres Ordenslebens selber gemacht hat. Denn dass der Wunsch nach einem Ordensleben sie nach dem Studium 1964 gerade zu den Sionsschwestern führte, war für Sr. Clemens Maria eher Zufall. Mit der Zeit entdeckte sie jedoch den Wert dieser Lebensform, zu deren besonderem Schwerpunkt „die Liebe und die Sensibilität für das jüdische Volk“ zählt.Besonders umgesetzt wird diese Option durch Informations- und Bildungsarbeit. „Wir wollen gegen jede Form der Diskriminierung und Verfolgung kämpfen, weil Juden im Verlauf ihrer Geschichte diese immer wieder erleiden mussten. Und wir wollen dazu beitragen, dass Vorurteile abgebaut werden“, erzählt Dr. Streubel, die an der Jesuiten-Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main tätig ist. „Wenn Vorurteile nicht aufgedeckt werden, dann werden sie vererbt.“
Pionierarbeit
Auch in Österreich waren es die Sionsschwestern, die dem christlich-jüdischen Dialog wichtige Impulse gegeben haben. So gründete die Gemeinschaft neben anderen europäischen Hauptstädten auch in Wien 1967 das christlich-jüdische Informationszentrum, das über viele Jahre von Sr. Hedwig Wahle geleitet wurde und heute vom Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit getragen wird. Und wenn heuer zum ersten Mal in Österreich der „Tag des Judentums“ nach italienischem Vorbild am 17. Jänner begangen wird, so ist auch das mit deren Pionierarbeit verbunden. Denn den in Rom tätigen Mitschwestern war es schon 1990 gelungen, diesen Gedenktag in Italien anzuregen.Kernpunkt der Versöhnungsarbeit ist und bleibt für Sr. Clemens Maria aber der Umgang der Christen mit ihren jüdischen Wurzeln. „Im Verlauf der Geschichte hat sich die Kirche auf Kosten des Judentums definiert, und zwar durch dessen Ablehnung. Typisch dafür ist, wenn wir heute noch im Gotteslob (544) singen: Das Gesetz der Furcht muss weichen, da der neue Bund begann.“
Sr. Clemens Maria hat als Ordensfrau ihr Leben dem christlich-jüdischen Dialog gewidmet.
STICHWORT
Tag des Judentums
Am 17. Jänner begehen alle christlichen Kirchen in Österreich zum ersten Mal diesen Tag. Sie greifen damit eine Initiative der Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung auf, die 1997 in Graz stattfand. Das Datum ist bewusst gewählt. Vom 18. bis 25. Jänner läuft weltweit die „Gebetswoche für die Einheit der Christinnen und Christen“. Doch vor aller Verschiedenheit der Kirchen untereinander steht das gemeinsame Fundament: die Verwurzelung im Judentum. Dies wollen sich die Christen an diesem Tag besonders ins Bewusstsein rufen. Der „Tag des Judentums“ wird in Italien heuer bereits zum elften Mal gefeiert, in Polen wurde er 1998 eingeführt.Das Motto für diesen Tag gibt der Apostel Paulus vor: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“, mahnt er im 11. Kapitel des Römerbriefes. Vom Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit wurde dazu ein Vorschlag zur Gestaltung eines Gottesdienstes ausgearbeitet. „Wir wollen in Dankbarkeit das Geschenk feiern, das Gott uns mit Israel, seinem erwählten Volk, gegeben hat“, sagt Dr. Markus Himmelbauer, der Leiter des christlich-jüdischen Informationszentrums in Wien. Der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich hat sein Anliegen zum „Tag des Judentums“ formuliert: „Wir beten, dass Versöhnung auch das Verständnis zwischen Juden und Christen bestimme, und alle Kirchen erkennen, dass der Heilsweg des Ersten Testamentes weiterhin gültig ist und so mit allen Formen des jahrhundertealten Judenhasses brechen.“