Die Aufbruchsbegeisterung der 70er Jahre ist heute in vielen Pfarrgemeinden verflogen. Immer öfter stellen sich Pfarren die Frage, wie es weitergehen soll.
Die neueste Studie über die religiöse Lage in Österreich brachte ein überraschendes Ergebnis: Der wachsenden Distanz zur „Großinstitution Kirche“ steht eine fast unveränderte religiöse Praxis gegenüber. Als Kristallisationspunkt für die persönlichen religiösen Bedürfnisse wird die Kirche vor Ort, die Pfarre, nach wie vor hoch eingeschätzt. „Hier fühlen sich die Menschen offenbar beheimatet und in ihrer Art, Religion zu leben, respektiert“, meint der Theologe und Sozialforscher Christian Friesl.Für die Verantwortlichen in den Pfarren stellt sich die Sicht der Dinge oft anders da. Pfarrgemeinderäte haben das Gefühl, mit ihrer Arbeit auf der Stelle zu treten, viele Sitzungen bewegen wenig. Der Kreis der Interessierten, den man mit verschiedenen Angeboten erreichen kann, ist immer derselbe, neue Mitarbeiter sind schwer zu gewinnen, bestimmte Probleme, wie z. B. die Jugendarbeit, stehen jahrelang unerledigt auf der Tagesordnung, die unbesetzten Kirchenbänke werden mehr. Dazu kommen in manchen Gemeinden Spannungen zwischen eher traditionellen Gruppen und solchen, die neue Formen der Verkündigung und des Feierns einfordern, oder die Frage, wie das Pfarrleben ohne Priester vor Ort weitergehen soll.
Gemeinde entwickeln
„Die tief gehenden gesellschaftlichen und kirchlichen Veränderungen stellen auch die Pfarrgemeinden vor die Frage: Was wollen wir in Zukunft und wie kann der Weg dahin ausschauen?“ meint Josef Weichselbaumer vom Pastoralamt Linz. „Gemeindeentwicklung“ heißt das Schlagwort, das in diesem Zusammenhang immer häufiger zu hören ist. Gemeint ist damit ein Prozess, bei dem sich die Pfarre auf den Weg macht, noch mehr als Gemeinde den Anforderungen der Botschaft Jesu und den Bedürfnissen der Menschen zu entsprechen. Bei diesem Nachdenken über den Ist-Stand und das Wozu der Gemeinde sowie bei der daraus folgenden Entwicklung von konkreten Schritten ist auf zweierlei zu achten: Haben wir die ganze Pfarre im Blick oder nur das Wohl einer bestimmten Gruppe? Und welche Fähigkeiten, Charismen, Ressourcen und Glaubenserfahrungen sind vorhanden und wie kann die Eigenverantwortung und Mündigkeit aller am Entwicklungsprozess Beteiligten gestärkt werden?
Von anderen lernen
In den letzten zehn Jahren wurde eine ganze Reihe von Instrumentarien und Modellen zur Gemeindeentwicklung erarbeitet. Sie reichen von verschiedenen Wegen der Glaubensmission bis zur Verbesserung der organisatorischen Strukturen und der Entscheidungsabläufe, von der Pfarranalyse als Ansatzpunkt für weitere Schritte bis zum Aufbau lebendiger Hauszellengruppen. „Es ist daher wichtig, dass sich der Pfarrgemeinderat oder das Projektteam gemeinsam mit der Gemeindeleitung möglichst genau überlegt, wohin man eigentlich gehen will und welche Schritte dafür am besten geeignet sind. Je präziser diese Vorüberlegungen sind und je mehr Leute dabei eingebunden werden, etwa über eine Pfarrversammlung, desto besser sind die Chancen, dass dann auch etwas Greifbares herauskommt“, meint Josef Weichselbaumer. Sinnvoll sei es in diesem Planungsstadium auch, sich die Erfahrungen anderer Pfarren anzuschauen bzw. sich vom Pastoralamt eine entsprechende Beratung und Begleitung zu holen. Damit solche Entwicklungsprozesse nicht zum Frust werden, ist es auch nötig, den Zeitrahmen des Projektes ebenso klar abzuklären wie die laufende Information der Pfarre und die Schritte der Weiterarbeit.
Pfarrbefragung
Die Pfarrbefragung ist ein gutes Werkzeug, um Auskunft darüber zu bekommen, wie die Bevölkerung die Arbeit der Pfarre einschätzt, was gefällt und was abgeht, um neue Ideen für die Arbeit zu bekommen oder um Ideen für die Zukunft zur Diskussion zu stellen. Neben diesen inhaltlichen Zwecken kann die Pfarrbefragung auch einen aktivierenden Effekt haben (viele können mitdenken, Aktivierung des PGR bei der Durchführung und Weiterarbeit …). Die Pfarrbefragung muss den Eindruck vermeiden, dass sie die Leute „aushorchen“ will und ihre Ergebnisse müssen für die Arbeit ernst genommen werden.
Information: Arbeitsstelle für kirchliche Sozialforschung, Maria-Theresien-Straße 3/24, 1090 Wien; Pastoralamt der Diözese Linz, Kapuzinerstraße 84, 4020 Linz (sehr gute Infomappe!).
Die Modelle
Gemeinde-Entwicklung
Die Pastoralkommission Österreichs hat vor kurzem einen Text zur Gemeindeentwicklung vorgelegt. In der sehr informativen Broschüre werden folgende Modelle mit ihren Möglichkeiten und Grenzen sowie mit entsprechenden Kontaktadressen beschrieben: n Pastoralseminar. Ein Kursmodell zur Glaubens- und Gemeindeerneuerung;n Gemeindeberatung – Organisationsentwicklung – dient der Verbesserung der Wahrnehmung, der Zielformulierung und der Arbeitsabläufe;n Pfarranalyse (mit Befragung)n Pfarrkonzil – breiter Diskussions- und Aktivierungsprozessn Ein Stück Gemeindeerneuerung – Neuorientierung einer Gruppe mit Blick auf die gesamte Pfarrgemeinden Erneuerung durch lebendige Hauszellen – Aufbau von kleinen Aktivgruppen (Charismatische Bewegung)n Ein neues Bild von Pfarre – Pfarrgemeinde entwickelt Vision, die in kleinen Schritten umgesetzt wird (Bewegung für eine bessere Welt)n Missionen zur Glaubensvertiefung – drei Modelle: Glaubensmission, Rottenburger Modell, Pfarrmission der Gemeinschaft Emmanuel.
Geimeinde-Entwicklung. Eine Einladung. Erhältlich bei den Pastoralämtern der Diözesen und beim Österreichischen Pastoralinstitut, Stephansplatz 3/3, 1010 Wien.