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Pfui, der Struwwelpeter

Überholte Pädagogik anhand eines beliebten Kinderbuches hinterfragt
Ausgabe: 2000/09, Struwelpeter, Kinderbuch, Erziehung
29.02.2000
- Maria Haunschmidt
Trotz der bekannten Grausamkeiten ist das Bilderbuch vom Struwwelpeter in der Beliebtheitsskala ganz oben. Ist diese Pädagogik noch zeitgemäß?

Welch eine Not, wenn Mamas Liebling ritsch-ratsch der Daumen abgeschnitten wird oder als Suppenkaspar binnen ein paar Tagen tot ist. Dem Phänomen, dass der Struwwelpeter nach wie vor zu den beliebtesten Kinderbüchern gehört – bot das Linzer Theater Phönix mit einer neuen Bühnenfassung Kontra. Es gab in den Geschichten der jungen Kinderbuchautorin Adelheid Dahimene ein stärkeres Profil für den Außenseiter Struwwelpeter und ungewöhnliche Wendungen: Etwa wurden Paulinchen und der Suppenkaspar wieder lebendig und der fliegende Robert ging auf eine Phantasiereise.

Angst – der falsche Weg Die skurill-komische Poesie reizte zum Weiterspinnen und zum Hinterfragen. Erwachsene könnten die antiquierte Struwwelpeter-Pädagogik differenzierter betrachten, aber nicht die kleinen Kinder. Zu dieser Meinung kam jene illustre Gesprächsgruppe, die unter Leitung des Historikers Dr. Reinhard Kannonier Pädagogik und Erziehungsziele von gestern und heute aufs Korn nahmen: Neben der Autorin die zwei Direktoren der Linzer Pädagogischen Akademien, Dr. Hans Schachl und Dr. Josef Fragner, sowie Waldorf-Lehrer Hans Ernst Förster und die Schulsprecher Michaela und Gregor. Es sei legitim, einen guten Menschen aus dem Kind zu machen und damals sei es eben durch solche Geschichten geschehen, verteidigte Kindergartenschülerin Michaela das Buch, das sie als Kind selber gern gelesen habe. Auch wenn manches heute noch vorkommt – etwa das Quälen von Tieren, sei aber die Struwwelpeter-Pädagogik überholt, fand auch Schulsprecher Gregor. Er sprach sich für Wertevermittlung und Elternvorbild aus. Der Wunsch der Jugendlichen: Mehr Konsequenz in der Erziehung und Eltern, die Grenzen setzen. „Man muss Kinder kritikfähig machen und zentrale Werte vermitteln, ohne die Individualität zu zerstören“, so der Konsens. Schärfen von kritischem Bewusstsein heißt die Devise. Dies geht nur, wenn Kinder und Erwachsene als gleichwertige Menschen gesehen werden. „Aus dem Bauch heraus“ zu entscheiden, sei oft gar nicht das Schlechteste.

Die Wertediskussion reizte einen jungen Schauspieler aus dem Publikum zum Widerspruch. Er hätte lange damit zu tun gehabt, sich von sogenannten Werten zu lösen, die ihn eingeengt hätten.

Strafen heute

„Operieren wir nicht heute nach wie vor in der Erziehung mit Angst, aber subtiler als früher“, hinterfragte PÄDAK- Direktor Fragner. Angst dürfe aber nie ein Mittel in der Erziehung sein.
Vielmehr müssten wir den Menschen für seinen Weg stärken. Strafen müssten so sein, dass es eine Weiterentwicklung geben kann. Es solle individuelle und kreative Lösungen geben, verwies Hans Ernst Förster auf die Waldorf-Pädagogik. Ein konkretes Beispiel: Ein Kind, das etwas zerschlägt, soll den Bartwisch holen und beim Wegputzen helfen müssen und, wenn es größer ist, auch per Taschengeld wiedergutmachen, waren sich die Anwesenden grundsätzlich einig. „Bei 30 Schülern braucht es dennoch einen Minimalkonsens an Verhaltenskonsequenz!“, führte Dr. Schachl von der PÄDAK der Diözese auf den Boden der Realität des Schulalltags.
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