- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Mona Müry-Leitner
Johann Sebastian Bach – ein Musiker im Dienste Gottes. Anlässlich seines 250. Todes-tages stellt die Autorin, Sängerin im Salzburger Bach-Chor, die Matthäuspassion vor.apAWer dieses Werk bereits gesungen hätte? Etliche hoben die Hand. Ich gehörte zu den Anfängern. Eigentlich fehlte mir jede Vorbildung für ein derart kompliziertes Werk. Der starke Wunsch, wieder zu singen, versorgte mich mit dem nötigen Mut. In meiner Kindheit und Jugend bot sich keine Möglichkeit, ein Instrument ernsthaft zu erlernen, und das schmerzte immer noch. Jetzt wollte ich unter allen Umständen Teil eines Chores sein. Ich erwartete mir davon, endlich die Innenräume der Musik zu betreten.
„Ihr Glücklichen!“, nannte der Chorleiter verblüffenderweise die Anfänger, „wie ich euch beneide! Ihr habt die Entdeckung des größten Werkes der Musikgeschichte vor euch!“Dieses Ritual spielte sich vor der ersten Probe auch der anderen großen Chorwerke ab – etwa bei Händels „Messias“ – und es hatte stets großes Gelächter zur Folge. Die Begeisterung darf der Logik eben auch widersprechen. Es fiel mir fortan nicht schwer, meine Unbedarftheit nicht mehr als Nachteil zu begreifen. Ich war zwar mit all meiner Konzentrationskraft gefordert, um mit den Chorprofis Schritt zu halten und verordnete mir deshalb ein hartes Übungsprogramm. Dennoch entdeckte ich schon bald ein Gefühl in mir, das dem Vergleich mit dem Beginn einer großen Liebe standhält. Und wenn man den Gegenstand einer großen Liebe gefunden hat, ist nachher nichts mehr wie es vorher war. Er mengt dem alltäglichen Einerlei einen neuen Grundton bei. Die Matthäuspassion, das kunstfertigste von Bachs Werken, ist voll von Symbolen und Anspielungen. Es deutet Gefühle musikalisch so gültig aus, dass sich der Sänger wie der Hörer wie selbstverständlich inmitten des Geschehens wiederfindet. Zugleich ist es von einer atemberaubenden Schlichtheit. Johann Sebastian Bach hat sein Genie in den Dienst einer großen inhaltlichen Aussage gestellt: in seiner Musik hört man den unbeschädigten christlichen Glauben.