Oberösterreicher in Kinshasa jedoch weiter unter Hausarrest
Ausgabe: 2000/10, Kongo, Missionare, Gefängnis
08.03.2000
- Walter Achleitner
Bisher einmalige Aktion zur Einschüchterung kirchlicher Mitarbeiter in Kongo-Zaire. Die Kirchenzeitung bringt einen Bericht aus dem geheimen Gefängnis.
Als „bisher einmalige Einschüchterung kirchlicher Mitarbeiter in Kongo-Zaire“ bezeichnet der Provinzial der Herz-Jesu-Missionare, P. Andreas Steiner, das Vorgehen der Geheimpolizei in Kinshasa gegen vier Mitglieder der Gemeinschaft. Wie die Ordensleitung der österreichischen Provinz erst jetzt gegenüber der Kirchenzeitung bestätigte, sind am 22. und 26. Jänner insgesamt vier Missionare, unter ihnen der Tiroler P. Peter Laschan und der Oberösterreicher P. Franz Mayerhofer, verhaftet worden. Drei von ihnen wurden nach sieben Tagen aus dem speziell für politische Häftlinge errichteten Sondergefängnis entlassen. Pater Mayerhofer (68) steht seit seiner Freilassung am 7. Februar nach wie vor unter Hausarrest.
Sprachlos mitansehen
Peter Laschan war in Kinshasas Stadtteil Limete mit dem Fahrrad die dritte Straße hinaufgefahren. Auf dem Rückweg vom morgendlichen Gottesdienst in das Haus der Herz-Jesu-Missionare war es dem Priester nicht aufgefallen, dass ihm ein Auto folgte. Als sich ihm vor dem Eingang mehrere Sicherheitsbeamte in Zivil in den Weg stellten und einer unsanft meint: „Sind Sie Père Pierre? Kommen Sie mit uns, wir haben einige Fragen.“ Laschans Mitbrüder, die zum Zeitpunkt des Überfalls im Haus waren, konnten der Razzia nur sprachlos zusehen. Es gab keine Erklärung für das Vorgehen – nur so viel: Staatssicherheit. Neben dem 54-jährigen Tiroler wurde auch P. Franz Aicher aus dem Haus geholt und in den Geländewagen mit schwarz getönten Scheiben gezerrt. Beide waren kurz zuvor aus der Urwalddiözese Bokungu-Ikela gekommen, die über Monate von den Rebellen kontrolliert wurde. „Nach 15 Minuten rasender Fahrt in Richtung Regierungsviertel hielten wir an einem schwer bewachten Kontrollposten. Die Fahrt endete in einem geschlossenen Innenhof. Ein halbes Dutzend mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten umringten uns neugierig. Weiße Gefangene waren wohl eine seltene Beute. Brille, Uhr, Sandalen, Hosengürtel, ja selbst der Rosenkranz wurden uns abgenommen. Nun wussten wir: es ist kein Scherz und auch kein Missverständnis, wir sind in Untersuchungshaft. Auch wenn uns keine einzige Frage gestellt oder irgendein Grund für unsere Verhaftung genannt worden war.“ Kurz darauf kam noch ein weiterer Herz-Jesu-Missionar aus Belgien in U-Haft.„Gegen elf Uhr wurden wir endlich zum Verhör geführt. Allmählich wurde klar, dass es nicht um unser unfreiwilliges fünfmonatiges Zusammenleben mit den Aufständischen ging, sondern um einen Mitbruder und seine angebliche Komplizenschaft mit diesem Staatsfeind. Es waren alles grundlose Anschuldigungen, aber er war im Moment nicht greifbar, und so wurden wir in Geiselhaft genommen.“
Ab ins „Inter“
Nach dem Verhör wurden die drei Missionare in ihre Zellen geführt. „Ich lag mit acht Gefangenen zusammen, während die beiden anderen ,Einzelzimmer‘ bekamen – fensterlose Löcher. Von den Mitgefangenen wurden wir herzlich willkommen geheißen im ,Inter‘ – humorvoll benannt nach dem Luxushotel in der Hauptstadt. Kameradschaft war in diesen engen Haftbedingungen selbstverständlich. Weiß oder Schwarz spielte keine Rolle. Es galt, gemeinsam das Unausweichliche erträglicher zu machen. Mit viel Humor und Sympathie wurden wir in den ausgewählten Kreis der im ,Inter‘ kostenlos untergebrachten und sorgfältig beschützten Staatsgäste aufgenommen. Von völlig verschiedener Herkunft, waren wir doch alle aus ganz ähnlichen Gründen hierher geraten: Gefährdung der Staatssicherheit!Wir waren also ,Politische‘. In dieser Bürgerkriegszeit genügt der geringste Verdacht, ein unbedachtes Wort oder die Bekanntschaft mit Regierungsgegnern, um in einem solchen Hinterhof zu landen, der nachts von fetten Ratten eifrig besucht wird.
Potenzielle Staatsfeinde
Einer unserer Leidensgenossen war ein Geschäftsmann, der Sohn einer ehemaligen Ministerin. Scherzhaft wurde er ,Gouverneur‘ betitelt, wegen seiner imponierenden Leibesfülle und Stimme. Er galt gleichsam als Manager des ,Inter‘ mit ausgeprägtem Hang zum Predigen.Ein weiterer war hoher Staatsbeamter in einem umkämpften Gebiet. Wie wir war er mehrfach befreit worden und hatte somit zu viel gesehen. Dann waren zwei Angestellte der Flugsicherung, denen der plötzliche Stromausfall am Flughafen der Hauptstadt als Sabotage ausgelegt wurde. Alle galten als potenzielle Aufständische. Die meisten waren seit Monaten hier und niemand wusste, ob und wann sie freikämen. Es gab keine Verhandlungen, keine Urteile und somit auch keine Anwälte. Es gab nur Befragungen.Diese völlige Ungewissheit und Hilflosigkeit lastet schwer auf den Häftlingen. Aber sie besitzen eine erstaunliche Fähigkeit, die auch die Sechs-Millionen-Stadt Kinshasa am Leben hält: die Bedürfnisse auf das allernotwendigste einzuschrenken. Und das Bewusstsein, nicht alleine zu sein, erhöht die Überlebenschance. Das hilft ihnen, dieses trostlose Eingesperrtsein nicht nur zu erdulden, sondern durch Rücksichtnahme und befreienden Humor erträglich zu gestalten.“
Lesen Sie nächste Woche: Im Sondergefängnis feiern die politischen Häftlinge ökumenischen Gottesdienst.