Gespannt warten viele auf den 1. Fastensonntag. Er soll ein besonderer Höhepunkt im Heiligen Jahr sein. Der Papst will die Vergehen der Kirche in der Vergangenheit einbekennen und um Vergebung und Versöhnung bitten.
Am Dienstag hat die Internationale Theologenkommission in Rom die Erklärung „Erinnern und Versöhnen“ vorgestellt. Sie soll die theologischen Grundlagen für die „historische“ Vergebungsbitte des Papstes erläutern. Wir sprachen über die nicht unumstrittene Absicht des Papstes, die Fehler der Vergangenheit einzugestehen und um Vergebung zu bitten, mit dem Grazer Kirchenhistoriker Maximilian Liebmann.
Wie sehen Sie die Vergebungsbitte des Papstes? Liebmann: Ich gehöre zu denen, die eine Vergebungsbitte in diesem Jubiläumsjahr der Christenheit für besonders wichtig erachten. Für mich ist das nicht ein Zeichen der Schwäche, wie das manche auslegen, sondern ein Zeichen der Stärke, wo man zu dem steht, was geschehen ist und offen bekennt, dass auch in der Geschichte der Kirche schwere Fehler gemacht wurden. Ich finde es großartig, dass Papst Johannes Paul II. das tun will.
Ohne Beschönigung
Es hat in den letzten Jahren ein langes Tauziehen gegeben, ob und wie deutlich die Kirche die Sünden, Fehler und Irrtümer der Vergangenheit einbekennen soll. Wie sehen Sie das? Liebmann: Ich denke, das Einbekenntnis der Kirche von Schuld und Irrtümern soll sehr deutlich ausfallen, die Dinge sollen ohne Beschönigung beim Namen genannt werden. In den zweitausend Jahren der Kirchengeschichte sind neben all dem Großartigen und Vorbildlichen auch nicht wenige schreckliche Dinge passiert. Ob das nun die Hexenverfolgungen mit ihren vielen unschuldigen Opfern sind, die blutigen und teilweise geradezu barbarischen Kreuzzüge, die Inquisition, der Antijudaismus mit seinen unmenschlichen Folgen, das gewaltsame Vorgehen gegen Andersdenkende usw. – das sind Fakten. Dafür einzustehen und zu bekennen, da ist Schuld geschehen, auch von der Kirchenleitung und nicht nur von einzelnen Christen, das ist für mich eine Frage der Glaubwürdigkeit und der Bereitschaft zur Versöhnung mit Gott und den Menschen.
Irrwege „der Kirche“
In den bisherigen kirchlichen Dokumenten zu den Vergehen und Fehlern der Vergangenheit ist meist von den Sünden mancher/vieler Christen bzw. der „Söhne und Töchter der Kirche“ die Rede, aber nicht von der Schuld der Kirche. Eine Unterscheidung, die manche aufregt. Liebmann: Ich verstehe diese Aufregung, wenn damit verschleiert werden soll, dass sich in manchen Epochen und manchen Fragen die Kirche auch mit ihren höchsten Repräsentanten, den Päpsten und führenden Theologen, auf einem Irrweg befand und somit Schuld auf sich geladen hat. Papst Innozenz VIII. hat nun einmal, auch unter Berufung auf den bedeutenden Theologen Thomas von Aquin, die Hexenbulle unterschrieben und damit die ganze Kirche in eine fürchterliche Unrechtsgeschichte verwickelt. Das ist nur ein Beispiel dafür, wo ich meine, dass man zu Recht von einer Schuld „der Kirche“ reden kann.
Es gibt offenbar eine große Angst, dass das Eingestehen von Fehlern „der Kirche“, die Autorität des Lehramtes und die Heiligkeit der Kirche in Fragen stellen könnten? Liebmann. Es scheint so. Daher sollten wir deutlich sagen, inwieweit die Kirche „heilig“ ist – als mystischer Leib Christi und Heilszeichen in dieser Welt – und wie weit die Zusage gilt, dass sie der Geist Gottes in der Wahrheit halten wird. Ich halte es für problematisch, wenn aus kirchenpolitischen Gründen manche so tun, als ob das Lehramt nicht irre gehen könnte und als ob dafür weder das Eingeständnis noch Korrekturen nötig wären. Die Geschichte der Kirche zeigt uns ja, dass solche Korrekturen immer wieder geschehen sind. Wenn man etwa bedenkt, was Gregor XVI. alles verboten hat – von der Gewissens- und Religionsfreiheit bis zur Pressefreiheit – und wie das 2. Vatikanum diese Positionen gründlich korrigiert hat.
Größere Vorsicht
Wann wäre für Sie der 1. Fastensonntag eine Enttäuschung? Liebmann: Wenn das Eingeständnis der Schuld und die Bitte um Versöhnung und Vergebung mit Gott und den Menschen, soweit es noch Adressaten gibt, unterbliebe oder zu wenig deutlich und konkret ausfällt. Wenn die Dinge, wo die Kirche Unrecht getan und Schuld auf sich geladen hat, auch die Päpste, nicht beim Namen genannt würden.
Manche sagen, es ist leichter, Fehler der Vergangenheit einzugestehen als eigene. Wie sehen Sie das? Liebmann: Ich bin zuversichtlich, dass ein ehrlich gemeintes Eingeständnis von Fehlern und Schuld uns nicht nur hilft, mit der Geschichte offener umzugehen. Dieser mutige Schritt des Papstes sollte auch dazu beitragen, dass die Kirche und wir alle in Hinkunft vorsichtiger sind mit Be- und Verurteilungen, dass das Lehramt vorsichtiger ist mit der Verkündigung neuer Lehraussagen und mehr den Weg des geduldigen Dialoges sucht.