- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Mona Müry-Leitner
Die Matthäuspassion enthält drei Stunden reine Musik. Der Chor ist neben dem Evangelisten der Dauer nach die „Hauptfigur“. In einem Viertel der Zeit gehört die Aufmerksamkeit ihm.Was aber findet des Choristen Aufmerksamkeit, wenn er gerade nicht selbst singt? Als Teil der AltStimmgruppe verfolge ich besonders genau die Arien meiner großen Schwester, der Alt-Solistin. Heimlich, zu Hause, übe ich auch ihren Part. Mit den Alt-Arien kann man wunderbar klagen und trauern. Der Tenor verkörpert stets leidenschaftliches Aufgewühltsein und über den Bass-Solisten erhält man Zugang zum Bezirk des Edel-Männlichen. Die Arien der Sopran-Stimme führen uns in die Sphären des Ersehnbaren, jenseits von Zeit. Sie kreisen stets um Liebe, Hingabe, Dankbarkeit.
Im Ablauf der Passion haben alle Arien eine wohlkalkulierte Position: In Momenten höchster emotionaler Aufgeladenheit halten sie das Geschehen an und steigern die Spannung nochmals. Nach dem wildesten Turba-Chor „Lass ihn kreuzigen!“ folgt die längste und tieftraurige Arie „Können Tränen meiner Wangen nichts erlangen?“. Wer die Arien (noch) nicht liebt, empfindet sie als lang. Aber auch ihre Dauer ist wohlbedacht. Sie sind komponierte Kontemplation. Kontemplation stellt Ansprüche an das Zeithaben, um die Zeit schließlich außer Kraft zu setzen. Ihr ist die Wiederholung nie langweilig.
Vom Sänger wie vom Hörer ist gefordert, sich der Stimmung einer Arie hinzugeben. Bach ist der größte Meister darin, verschiedenen Stimmungslagen passende Tonarten zuzuorden. „c-Moll ist ein überaus liebliche, dabey tris-ter Thon … es soll eine Piéce sein, die den Schlaf befördern muß (z. B. Tenor-Arie mit Chor „Ich will bei meinem Jesus wachen, so schlafen unsre Sünden ein“).
„g-Moll ist fast der allerschönste Thon, weil er nicht nur … ziemliche Ernsthafftigkeit mit einer munteren Lieblichkeit vermischet, sondern, eine ungemeine Anmuth und Gefälligkeit mit sich führet“ (Bass-Arioso „Am Abend, da es kühle war“). So macht es uns Bach leicht, die Arien trotz ihrem hohen Schierigkeitsgrad im Detail dennoch als eingängige und abrufbare Melodien in inneren Besitz zu nehmen: Musik wird so ein Teil von uns und wir ein Teil von ihr.