Ein religiös engagierter Mensch pflegte zu erzählen: In meiner Jugend, als mich die Gottesliebe entzündete, meinte ich, ich würde die ganze Welt zu Gott bekehren. Aber bald verstand ich, es würde genug sein, wenn ich die Leute meiner Stadt bekehrte, und ich mühte mich lang. Da merkte ich, dass ich mir noch immer zu viel vorgenommen hatte, und ich wandte mich meinen Hausgenossen zu. Es ist mir nicht geglückt, sie zu bekehren. Endlich ging es mir auf: mich selbst will ich zurechtschaffen, dass ich Gott in Wahrheit diene. Aber auch diese Bekehrung habe ich nicht zustande gebracht.
Wie weit ist es doch vom Wollen zum Vollbringen! Was ist aus den großen Träumen der Jugendzeit geworden? Mit den Jahresringen unseres Lebens werden wir reicher an Erfahrung, viele von uns werden vorsichtiger, nicht wenige werden bescheidener, demütiger. Wir sind mitten in der österlichen Bußzeit. Die Botschaft vom Aschermittwoch begleitet uns durch diese Wochen. Sie verweist uns auf die Realität unserer Existenz und lehrt uns das rechte Maß: Bedenke, dass du Mensch bist und nicht Gott! Bedenke, dass du deine Grenzen hast und nicht alle deine Lebenspläne verwirklichen kannst!
Im Evangelium erschließt Jesus dem Pharisäer und Mitglied des Hohen Rates Nikodemus in einem nächltichen Gespräch ein großes Mysterium: Jeder, der an den Sohn Gottes glaubt, hat das ewige Leben. Es ist die Sehnsucht Gottes, dass diese seine gesamte Schöpfung das Heil erfährt. Dieses ewige Leben beginnt im Hier und Jetzt. Vollenden wird sich dieses zugesagte Leben in Fülle aber jenseits unserer irdischen Begrenztheit und Vergänglichkeit. Und wie erlangen wir dieses Heil? Indem wir das tun, worauf Jesus den kritisch fragenden Nikodemus hinweist: Schau auf den erhöhten Menschensohn, begib dich unter das Kreuz: Im Kreuz Christi ist Heil.Paulus schreibt den unter ihrer Sündhaftigkeit leidenden Christen in Kolossä, dass der belastende Schuldschein an das Kreuz geheftet ist. Dadurch – und eben nicht durch unsere Programme zur Welt- und Persönlichkeitsverbesserung – haben wir das Leben.
Welche Konsequenzen hat dieses Mysterium für unsere religiöse Praxis auf Ostern hin? Vor allem sind wir aufgefordert, die Bruchstellen unseres Lebens anzuschauen. Und dann sind wir eingeladen, uns mit dem belastenden Stückwerk in einem versöhnenden Gespräch, im Sakrament der Versöhnung unter das Kreuz zu begeben, zum Menschensohn aufzuschauen und von ihm das Heil zu erwarten.