Dr. Dorothee Sölle (70) ist eine der prominentesten evangelischen Theologinnen Deutschlands. Am 23. März begeisterte sie bei einer Konzertlesung (gemeinsam mit Grupo Sal) in Linz 500 Zuhörer/innen.
Was meint der Titel Ihrer Lesung „Verrückt nach Licht“? Ich finde, dass wir heute eine Zeit finsterster Dunkelheit erleben. Wirtschaftsdiktatur und Turbokapitalismus haben ein Ausmaß erreicht, das an Barbarei grenzt und das zur Rechtlosigkeit führt.
Wo ist der Zusammenhang zur christlichen Religion? Religion, Christentum, Kirchen dürfen sich nicht aus der Politik verabschieden. Es gibt auch in der Religion die Versuchung des Neoliberalismus, die Gott zum Privateigentum, zur reinen Privatsache erklärt. Gerade Christen sollten sensibel sein dafür, wo heute ganz gottvergessene Politik passiert. Das Grundgesetz heißt Profitmaximierung, das ist reine Gottvergessenheit. Wie können Weltbank-Manager im Vaterunser beten „Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben den Schuldigern“, wenn sie zum Schuldenerlass nicht bereit sind?
Sind sie angesichts dieser Wirklichkeit verbittert, verzweifelt? Ich bemühe mich, es nicht zu sein, und wehre mich gegen eine Art Alterspessimismus. Meinen Mut beziehe ich aus vielen kleinen Hoffnungsgeschichten der Bibel. Und die gibt es auch heute.