„Ehrenamtliche Arbeit ist unersetzlich. Sie darf aber nicht als Lückenbüßerin für Sparprogramme missbraucht werden“, sagt Helene Renner.
Heute werde in der Politik vermehrt von der Bedeutung der „Zivil- oder Bürgergesellschaft“ geredet. „Das Verantwortungsbewusstsein der Menschen für einander und ihre Eigeninitiative zu mobilisieren ist an sich eine gute Sache“, meint Helene Renner von der Katholischen Frauenbewegung. „Es gibt aber deutliche Hinweise darauf, dass der Lobpreis des Ehrenamtes deshalb so laut gesungen wird, weil damit finanzielle Lücken – vor allem im Sozialbereich – gestopft werden sollen.“ Wenn heute immer öfter private Hilfsorganisationen durch die Kürzung von öffentlichen Mitteln gezwungen werden, in der Kinder-, Alten- oder Flüchtlingsbetreuung statt professioneller Mitarbeiter/-innen Freiwillige oder geringfügig Beschäftigte einzusetzen, so sei das keine Aufwertung ehrenamtlicher Arbeit. Da würden unter schönen Slogans wie Nachbarschaftshilfe vorwiegend Frauen angeworben, um – ohne entsprechende soziale Absicherung – billige Arbeit zu leisten.
Arbeit sichtbar machen
Auch in der Kirche gebe es Tendenzen, unbezahlte Dienste auszuweiten, um Finanzlücken zu stopfen, meint Renner. „Ehrenamtliches Engagement sei ohne Zweifel ein wesentliches Merkmal einer lebendigen Kirche – aber nicht, um finanzielle und personelle Engpässe zu umgehen, sondern um ein Zeichen in einer Welt der Entsolidarisierung zu sein und in der persönlichen Lebens- und Glaubensentwicklung zu reifen“, betont Helene Renner. Der Frauenbewegung sei es daher ein Anliegen, das Ehrenamt klar zu definieren (als freiwillige, untgeltliche, zeitlich begrenzte Arbeit in einer Organisation/ Pfarre), es lebbar zu gestalten (s. Kasten unten) und sichtbar zu machen. „Gerade die vielfältigen Arbeiten von Frauen würden oft übersehen. Deshalb haben wir vor mehr als drei Jahren die Aktion ,Stundenbuch‘ gestartet. Es soll einerseits den Frauen selber helfen, ihr Zeitbudget und auch ihre finanziellen Auslagen kritisch zu überdenken, es soll aber auch den Einsatz der Frauen für die Kirche und die Mitmenschen deutlich machen“, berichtet Helene Renner. Viele Frauen hätten noch immer Hemmungen, diese Bilanz zu führen, weil man diese Arbeit ja „um Gottes Lohn“ mache. „Während es selbstverständlich ist, dass freiwillige Männerarbeit bei der Renovierung von Kirchen in der Gesamtrechnung aufscheint, ziert Frauenarbeit keine Bilanz, nicht einmal Rechenschaftsberichte von Pfarren“, bedauert Renner. „Dann fragen uns Bischöfe oder Finanz- kammerdirektoren, wenn es um die Finanzierung unserer Arbeit geht, was denn die Frauenbewegung tut und wen sie erreicht.“
Bessere Anerkennung
Mehr Anerkennung und bessere Rahmenbedingungen für ehrenamtliche Arbeit ist heute in vielen Ländern ein aktuelles Thema, meint Helene Renner. Das habe erst kürzlich eine Tagung der deutschsprachigen katholischen Frauenverbände aufgezeigt. In Deutschland werde intensiv an einem „Ehrenamtspass“ gearbeitet, in dem Tätigkeiten und Fortbildungskurse verzeichnet sind. Ein derartiger Nachweis sollte im beruflichen Fortkommen ebenso anerkannt werden wie für Bonuspunkte bei der Sozialversicherung und Steuer, fordert Renner. Ein Vorbild wäre es, wenn die Kirche für Ehrenamtliche einen Beitragsbonus einführen würde. Weitere kfb-Vorschläge: Eine Aufwandsentschädigung für leitende Ehrenamtliche in der Höhe der freiwilligen Weiterversicherung (ca. 500 öS). Damit wäre eine zeitweilige Karenzierung leichter. Eine Pflichtunfallversicherung für bestimmte Bereiche, unbürokratische Spesenabgeltung und Freistellungen im Job.
Ehrenamt – Die Regeln
Die zehn „B“ der kfb
Um das Ehrenamt aufzuwerten und besser lebbar zu machen, hat die Katholische Frauenbewegung Regeln (zehn „B“) formuliert (Zusammenfassung):
Das Ehrenamt braucht:
Beginnen:
Vor Beginn der Tätigkeit sind Dauer und Arbeitsbedingungen zu klären.
Beenden:
Die Aufgabe soll abgeschlossen und reflektiert werden können.
Beschreiben:
Anforderungen, Tätigkeit und Zusammenarbeit klarlegen.
Beteiligen:
Sowohl Arbeit als auch Entscheidungskompetenz sind zu teilen.
Begrenzen:
Ehrenamt darf keine Vollbeschäftigung sein; Grenzen ziehen.
Das Ehrenamt bringt:
Begleiten:
Fachliche Aus- und Weiterbildung, Beratung, Supervision
Berichten:
Ehrenamtliche Arbeit muss öffentlich sichtbar gemacht werden.
Belegen:
Für ehrenamtliche Arbeit soll es einen öffentlichen Tätigkeitsnachweis geben, der im Beruf etc. anerkannt wird.
Bezahlen:
Spesen sollen geltend gemacht und vergütet werden. Bei umfangreichen Tätigkeiten Versicherungen und Aufwandsentschädigungen.
Belohnen:
Anrechnung auf Pension, Steuerabsetzbetrag, Freistellungen etc.
Weitere Materialien: kfb-Folder (und Kleber) „Alles umsonst?“. Bei der diözesanen kfb.
Lesenswert: Unser Thema, Heft 1/2000: „Zivilgesellschaft und Ehrenamt“ (öS 40). Bei „Welt der Frau“-Verlag, Lustenauer Str. 21, 4020 Linz.
Das UNO-Jahr
Die UNO hat 2001 zum „Jahr der Freiwilligen“ erklärt. In Österreich soll dieses Anliegen durch ein Nationalkomitee, das beim Sozial- und Generationenministerium angesiedelt ist, vorangebracht werden. Dazu wurden acht Arbeitsgruppen eingerichtet, die sich u. a. mit der Aufwertung von Ehrenamt und Freiwilligenarbeit, mit der Aus- und Fortbildung Ehrenamtlicher, mit der Anerkennung des Ehrenamtes in der Wirtschaft und im öffentlichen Dienst sowie mit Fragen der Motivation und des Rechtsschutzes befassen. Tipp: Beiträge der Katholischen Sozialakademie zum Thema: Dossier (03/2001) Kirchen in der Zivilgesellschaft; Broschüre „Zivilgesellschaft – ein Kozept für Frauen“; Studie „Neue Praxis der Kirchen …“ Beispiele der Armutsbekämpfung. Alles erhältlich: KSÖ, Schottenring 35, 1010 Wien; http://www.ksoe.at