Kirchenzeitungs-Reihe zum „Jahr der Freiwilligen“: Annemarie Glück
Ausgabe: 2001/26, Glück, Freiwillige, Jahr der Freiwilligen, Reihe
26.06.2001
- Hans Baumgartner
Die ehrenamtliche Arbeit sichtbar machen. Das hat sich die kfb zum Internationalen Jahr der Freiwilligen vorgenommen. Annemarie Glück ist eine von denen, die zupacken, wo es nötig ist.
Es gibt nur wenige Firmen im Bezirk Vöcklabruck, wo Annemarie Glück nicht um eine Arbeit für einen Ausländer angeklopft hat. Berge von Kleidern, Tische, Betten, Schränke und ganze Küchen hat sie organisiert, um Asylantenfamilien unter die Arme zu greifen. Viele Stunden, auch an Sonntagen, ist sie in ihrer Garage gestanden, um die Sachen auszugeben. Obwohl die Flüchtlingspension in der Nachbarortschaft längst geschlossen hat, kommen auch heute noch immer wieder Leute, um für ihre Familien oder für Verwandte in Rumänien und Bosnien etwas abzuholen.Annemarie Glück ist eine Frau, die nicht lange herumfackelt, sondern zupackt, wo Hilfe not tut. Das, so sagt sie, habe sie von ihren Großeltern gelernt. Und so war es für sie selbstverständlich, dass sie als Pfarrcaritasmitarbeiterin in die Flüchtlingspension ging und nachfragte, wie man helfen könne. Das war 1990, als der erste Schwung Rumänienflüchtlinge ankam. Seither hat sie Kosovoalbaner, Bosnier und wieder Kosovaren betreut.
Was man braucht, kommt
„Am Anfang war das für mich völliges Neuland“, erinnert sich Annemarie Glück an ihre Ratlosigkeit, als sie den ersten abgelehnten Asylbescheid in Händen hielt. Ein Caritasmitarbeiter habe ihr gezeigt, wie man einen Einspruch schreibt, und gemeint, den nächsten kannst du schon allein. Hilfe zur Selbsthilfe, meint sie dazu lachend. Und dann ernst: „Bei der Flüchtlingsbetreuung habe oft ich erfahren, dass man das, was man braucht, auch bekommt.“ Nicht nur mit Wohnungen, Babysachen oder Möbel sei es ihr so ergangen, auch mit Menschen. „Zunächst habe ich diese Arbeit alleine mit meiner Cousine gemacht, doch dann hat sich ein Netzwerk von Leuten aus mehreren Pfarren ergeben, das mitgeholfen hat.“ So wurden unter anderem vier Deutschkurse organisiert und mehrere hundert Leute untergebracht. Viele von ihnen sind gut integriert und melden sich auch immer wieder einmal, freut sich Annemarie Glück. Manche „Sorgenkinder“ betreut sie bis heute weiter.
Gemeinschaft ist wichtig
Seit elf Jahren ist Annemarie Glück auch Leiterin der Frauenbewegung in Thomasroith. Die Mitgliederzahl ist in dieser Zeit von 30 auf 60 Frauen angewachsen. Der Ort hat zwar eine eigene Kirche und ein Pfarrheim, ist aber keine eigene Pfarre – „und so fallen uns Frauen viele Aufgaben zu“, meint sie. Von der Gestaltung der Maiandachten bis zu Geldbeschaffungsaktionen für die Kirchenrenovierung und vielen anderen Diensten. Die kfb fühle sich mitverantwortlich, dass es ein reges Gemeindeleben im Ort gibt. „Wir schauen aber auch darauf, dass wir für uns selber, die Frauen, etwas tun. Dazu gehören die Pflege von Gemeinschaft und Geselligkeit, wodurch Vertrauen wächst, ebenso wie Fortbildung und geistliche Angebote. Auch soziale Projekte, wie ein Glashaus für Rückkehrerinnen in Bosnien, Missionspatenschaften oder die Unterstützung der Obdachlosenarbeit im Bezirk gehören dazu.“Ehrenamtliche Arbeit ist für Annemarie Glück, die auch noch im Pfarrgemeinderat, als Leiterin der Pfarrcaritas und Dekanatsleiterin der kfb tätig ist, nicht nur ein Geben. „Du lernst auch sehr viel für dich selber, traust dir was zu und du bekommst viel zurück, wenn du die Menschen magst.“
ZUR SACHE
Um „Gottes Lohn“
51 Prozent der erwachsenen Österreicher/-innen leisten ehrenamtliche (freiwillige) Arbeit. Das ergab eine Studie der Wirtschaftsuni Wien unter der Leitung von Christoph Badelt und Eva Hollerweger. Freiwilligenarbeit oder ehrenamtliches Engagement sind Arbeitsleistungen außerhalb des eigenen Haushaltes, die nicht mit Geld bezahlt werden. Drei Viertel der Österreicher/-innen bekennen sich zur „moralischen Pflicht“, im Laufe des Lebens auch unbezahlte Arbeit für Mitmenschen und die Gesellschaft zu leisten. 51% leisten tatsächlich ehrenamtliche Arbeiten. Fünf Stunden pro Woche und Person werden durchschnittlich dafür aufgewendet. Das ergibt 16,7 Millionen Wochenstunden und entspricht einem Wert von 1,7 Milliarden Schilling pro Woche oder der Arbeitsleistung von 482.000 Beschäftigten. Die wichtigsten Bereiche der Freiwilligenarbeit sind Pflege und Betreuung, Nachbarschaftshilfe, Arbeit für kulturelle und kirchliche Einrichtungen und Sportvereine.
In den letzten 18 Jahren ist die Freiwilligenarbeit zurückgegangen: von 59% der Bevölkerung und durchschnittlich 6,22 Wochenstunden auf 51% und fünf Stunden. Anders verläuft der Trend in den Kirchen: Hier leisten die ehrenamtlich (in Organisationen) und freiwillig (außerhalb von Organisationen) Tätigen doppelt so viel Arbeit als 1982. In keinem anderen Bereich gibt es eine derartige Zunahme. In Zahlen: 580.000 Gläubige leisten wöchentlich 1,7 Millionen Stunden unbezahlte kirchliche Arbeit – von der Sakramentenvorbereitung bis zum Kirchenputzen, von der Pfarrcaritas bis zum Engagement in verschiedenen Organisationen und Bewegungen.