Mit einem Artikel in der Kirchenzeitung fing die Geschichte an, mit einer Umarmung endete sie: Franziska Holzinger lernte nach sieben Jahrzehnten als Einzelkind ihre drei Geschwister kennen.
Ein Nebensatz in einem Artikel brachte den Stein ins Rollen: Die Kirchenzeitung berichtete über Karl Peböck, einen leidenschaftlichen Sammler alter Mess- und Gebetbücher. Nur beiläufig wurde erwähnt, dass ihn schon als Ministrant in Bad Zell die schweren Bücher mit den prächtigen Einbänden faszinierten.
Eine Nacht lang fassungslos
Franziska Holzinger las die Geschichte: Bad Zell und der Name Peböck weckten in ihr Erinnerungen. Stammte doch ihr Vater, den sie Zeit ihres Lebens nie kennen gelernt hatte, aus demselben Dorf und trug denselben Namen. Sie hatte plötzlich das bestimmte Gefühl, dass diese Informationen sie zur Familie ihres Vaters führen könnten. Den Artikel schnitt sie zwar fein säuberlich aus der Zeitung aus, mit einem Anruf bei Karl Peböck zögerte sie aber. Einen Monat später an einem Freitagabend war es so weit. Der Sohn von Franziska Holzinger griff zum Telefon und fragte Karl Peböck: „Wissen Sie, dass Sie eine Schwester haben?“ Peböck war sprachlos.
Es waren schlechte Zeiten
Erst vor einem Jahr hatten dem heute sechzigjährigen Pensionisten seine beiden älteren Schwestern von einem weiteren Kind ihres Vaters in der Gegend um Vöcklabruck erzählt. Obwohl Peböck alles in Bewegung setzte, um seine Schwester zu finden, blieb die Suche erfolglos. Mehrmals hatten sich in der Region die Gemeindegrenzen verschoben. Und nun aus heiterem Himmel dieser Anruf. Die ganze Nacht über brauchte Peböck, um sich vor Staunen und Freude zu fassen. Erst am Morgen war er zu einem Telefonat mit seiner „neuen“ Schwester fähig.Franziska Holzinger zeigt in ihrer Stube auf einen Strauß getrockneter Rosen. Es sind die Blumen, die ihr der „neue“ Bruder zur ersten Begegnung wenige Tage nach dem überraschenden Telefonat mitgebracht hat. Die hält sie in Ehren. Hat sie sich doch als Kind immer Geschwister gewünscht. Und im Alter von 73 Jahren ging ihr Traum in Erfüllung: „Ich hätte gern Kontakt zu meinem Vater gehabt. Aber es waren schlechte Zeiten und es hat sich halt nicht ergeben. Ich bin ihm aber überhaupt nicht böse.“ Ihr Vater fand als Maurer Ende der zwanziger Jahre in Lenzing für einige Zeit Arbeit, zog dann wieder weiter und ließ sich schließlich in Bad Zell nieder.
Mit Sekt Schwester begrüßt
Bruder Karl Peböck freut sich, dass die Familie so überraschend größer geworden ist: „Wir haben mit Sekt auf die neue Schwester angestoßen.“ Der Bruder staunte auch nicht schlecht, als er das erste Mal zum Haus seiner neuen Schwester fuhr. Mit seiner damaligen Verlobten und heutigen Frau– sie stammt aus Lenzing – ist er bei Spaziergängen häufig daran vorbeigekommen. Natürlich nicht ahnend, wer den kleinen Bauernhof bewohnt.Ende Oktober wird der Bruder mit Franziska Holzinger und mit einer der beiden „Alt“-Schwestern gemeinsam an der Pfarrreise von Pregarten teilnehmen und sie haben fest vor, diese erste Geschwisterfahrt zu genießen.