Durch Risse in der Wand bläst der Wind ins Schlafzimmer
Peru: Pfarrer Franz Windischhofer lebt im Erdbebengebiet
Ausgabe: 2001/27, Peru, Windischhofer, regierung, Erdbeben,
03.07.2001
- Josef Wallner
Der oberösterreichische Priester Franz Windischhofer schildert in einem Telefonat mit der Kirchenzeitung die Situation nach dem verheerenden Erdbeben. Windischhofer ist Pfarrer in der Erdbebenregion nahe der Stadt Arequipa.
Als am 23. Juni nachmittags eine Minute lang die Erde bebte, war Franz Windischhofer fast 1.000 Kilometer von seinen Pfarren entfernt bei einer Priesterweihe. Wieder zurück in seinen Pfarren im Süden des Landes, warteten eine gute und eine schlechte Nachricht auf ihn: Niemand hatte in seinem Seelsorgsgebiet, das mit 7.000 km2 der Größe des Bundeslandes Salzburg entspricht, den Tod gefunden. Sehr wohl sind aber Häuser zusammengefallen. Auch vier seiner fünf Kirchen wurden beschädigt: Sprünge und Risse vor allem an Türmen. Er hofft, dass die Gotteshäuser nicht gesperrt werden. Auch an seinem Pfarrhof hat das Erdbeben Spuren hinterlassen. Wenn das Gebäude ein Ziegeldach hätte, wäre es zusammengebrochen, so Windischhofer. Wegen des leichten Wellblechdaches steht das Haus trotz der Sprünge noch. Sein Schlafzimmer hat sogar eine zusätzliche Belüftung – so breit ist ein Riss. Jetzt im Winter Perus auf beinahe 4.000 m Seehöhe kein Vergnügen. Win-dischhofer: „Ich werde wohl einen neuen Pfarrhof bauen müssen.“
In den zentralen Orten seiner Pfarren liegt die Verantwortung für die Feststellung der Schäden und die Hilfe beim örtlichen Zivilschutz mit dem Bürgermeister an der Spitze. Der Priester aus Oberösterreich ist zuversichtlich, dass diese Struktur funktioniert. Sorge bereiten ihm die Siedlungen, die bis zu zehn Stunden Fußmarsch von den „Zentralorten“ entfernt sind. Von dort hatte er auch eine Woche nach dem Beben noch immer keine Informationen.
Regierung Perus ist bemüht
Positiv merkt er an, dass die Hilfe der eigenen Regierung und der internationalen Hilfsorganisationen rasch angelaufen ist. Nach den Jahren der Korruption unter Präsident Fujimori ist das rasche Handeln des Übergangspräsidenten ein Zeichen der Hoffnung. Manche deuten die Katastrophe bereits als Chance für einen Neuanfang im Land. Obwohl täglich neue schreckliche Schicksale die Menschen in Atem halten: Da ging eine Mutter mit einem zweijährigen und einem fünfjährigen Kind an der Hand in der Nähe der Küste. Eine Flutwelle – als Folge des Bebens – kam so rasch, dass es kein Entrinnen gab. Das Wasser entriss der Frau ihre Kinder. Die Mutter konnte sich retten, die Kinder wurden ein Opfer der Fluten.
Am Rand:
Strafe Gottes?
Für viele Sektengruppierungen Perus, die biblisch fundamenalistischem Gedankengut anhängen, gibt es keinen Zweifel. Das schwere Erdbeben ist der Zorn Gottes über das sündige Leben. Mehr als 100 Menschen starben, über 11.000 Häuser sind schwer beschädigt, Tausende stehen jetzt mitten im peruanischen Winter vor den Trümmern ihrer Wohnungen – die „Theologie“ der Sekten ist angesichts der Opfer und des Elends blanker Hohn. Dennoch sind ihre Argumente Thema öffentlicher Diskussion. V. a. mit der Uhrzeit des Unglücks treiben sie ihre frivolen Zahlenspiele. Die Erde bebte am 23. Juni 2001 exakt um 3 Uhr 33 Minuten. Wer auch nur ein wenig Gespür für die Sprache Gottes habe, so die Sekten, werde die Ziffern jeweils verdoppeln und heraus kommt die Zahl „666“.
666 steht für den Satan und unvorstellbare Ausschweifungen. Unterstützt wird die Argumentation der Sekten von der tief im Volk verwurzelten Mythologie. In Erzählungen von der Erschaffung des Andengebirges findet der Groll des göttlichen Weltenordners in Erdbeben seinen Ausdruck.Für Franz Windischhofer hat das Erdbeben natürlich mit seinem Glauben zu tun, aber ganz anders als bei den Sekten: für den Priester aus Oberösterreich ist das Unglück ein Aufruf zum Teilen und zur Solidarität mit den Opfern.