„Dass wir heute leben, liegt daran, dass Eure Bemühungen uns vor dem Galgen bewahrt haben“, schreibt Kogi wa Wamwere aus Kenia an Amnesty International.
Weil zwei Studenten im damals faschistischen Portugal in einem öffentlichen Lokal auf die Freiheit angestoßen hatten, wurden sie zu sieben Jahren Haft verurteilt. Das erfüllte den englischen Anwalt Peter Benenson mit „heiligem Zorn“. Am 28. Mai 1961 veröffentlichte er weltweit einen Appell für die „vergessenen Gefangenen“. Innerhalb eines Monats boten mehr als 1000 Menschen ihre Hilfe an, Benenson in seinem Einsatz für gewaltlose politische Gefangene zu unterstützen. Amnesty International (ai) war geboren. In den vergangenen 40 Jahren hat sich Amnesty von einer Gefangenenhilfsorganisation für religiös, politisch und rassisch Verfolgte zu einer Bewegung entwickelt, die sich weltweit für die Einhaltung aller Menschenrechte einsetzt. Das Markenzeichen von Amnesty ist die sorgfältige Recherche, ob das nun einzelne Gefangenenschicksale betrifft oder die systematische Verletzung der Menschenrechte durch Regierungen oder oppositionelle Gruppen.
Aufrüttelnde Fakten
Dass trotz aller Erfolge die Arbeit von Amnesty weiter unverzichtbar ist, zeigt der vor kurzem veröffentlichte ai-Jahresbericht 2000: In 61 Staaten wurden Menschen willkürlich hingerichtet oder von Oppositionsgruppen ermordet (Burundi, Sierra Leone, Kolombien, Kongo). In 30 Staaten sind unliebsame politische Gegner „verschwunden“ (Venezuela, Indonesien). In 125 Ländern foltern und misshandeln Sicherheitskräfte ihre Bürger/-innen (Türkei, China, Sudan, Ägypten, Peru). In 28 Ländern wurden Menschen hingerichtet (China, USA, Saudi-Arabien, Iran, Irak), in mindestens 65 Ländern warten Menschen in Todeszellen. In 63 Ländern sind Menschen aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen inhaftiert (Albanien, Weißrussland, Argentinien, Kuba, Irak, Iran, Laos, China).
ai in Österreich
Amnesty International hat heute mehr als eine Million Mitglieder und 7500 aktive Gruppen in 140 Ländern der Welt. In Österreich gibt es 975 ehrenamtliche Mitarbeiter/-innen in 88 Gruppen. Für Heinz Patzelt, Generalsekretär von ai-Österreich, sind die Gruppen das Herz der Amnesty-Arbeit. „In ihnen wird der Geist der Menschenrechtsarbeit lebendig gehalten, sie haben den langen Atem und die Treue, Gefangene oft über Jahre zu betreuen, sie sind das Rückgrat für die Bildungsarbeit und für Kampagnen.“ Da es aber heute immer schwieriger werde, Menschen für eine längerfristige Mitarbeit zu gewinnen, habe Amnesty auch andere Möglichkeiten zum Mitmachen entwickelt, meint Patzelt. Es gibt die verschiedenen Netzwerke, wo man sich an Unterschriftenaktionen für Verfolgte beteiligen kann. Man sucht auch Leute, die an einer befristeten Kampagne mitarbeiten, etwa gegen die Folter oder gegen die Todesstrafe.
Besonders bewährt habe sich die Aktion „young amnesty“, berichtet Patzelt. Dabei arbeiten Schüler und Lehrer ein Jahr lang gemeinsam an einem Menschenrechtsprojekt. Finanziert wird die Amnesty-Arbeit ausschließlich aus privaten Quellen, in Österreich von den 20.000 Mitgliedern und etwa 70.000 Spendern. Damit unterstützt ai-Österreich auch die Arbeit von Gruppen in Ländern wie Nigeria und Nepal und in Ost- und Südeuropa. Es gehe sich mit dem Geld zwar immer wieder aus, meint Patzelt, aber die Spendenbereitschaft für Menschenrechtsarbeit rangiert in Österreich weit hinter Tierschutz, Kindern etc.
Auf einen Blick:
Die Schwerpunkte der Amnesty-Arbeit sind:
– der Einsatz für Gewissensgefangene und für faire, rechtsstaatliche Prozesse, – das Auftreten gegen das „Verschwindenlassen“ von Menschen und politische Morde, – das Eintreten für die Rechte der Flüchtlinge, – weltweite Kampagnen gegen Folter und Todesstrafe und für die Ächtung des internationalen Waffenhandels.
Für die Mitarbeit bei ai gibt es verschiedene Möglichkeiten: lokale ai-Gruppen; Beteiligung an Unterschriftenaktionen im Rahmen von Appellnetzwerken (Kindernetzwerk, Frauennetzwerk u. a.) und urgent-action-Netzwerk; die Beteiligung an Kampagnen; finanzielle Förderung durch Mitgliedschaft od. Spende.
Zur Amnesty-Gruppe „Religionsgemeinschaften“ sei er vor zwölf Jahren gestoßen, sagt der Axamer Norbert Riccabona. Damals stand der Tiroler Herz-Jesu-Missionar P. Hans Schmid auf einer „Todesliste“ in Brasilien. „Ich wollte etwas tun – und seither ließ mich die Sache nicht mehr los.“Die Betreuung von Menschen, die aus religiösen Gründen bedroht und verfolgt werden, ist das Hauptanliegen der Tiroler ai-Gruppe „Religionsgemeinschaften“. Aus den Mitteilungen der Londoner ai-Zentrale sucht sie sich „ihre Fälle“ heraus. „Oft machen wir dann Unterschriftenaktionen, bei denen wir über ein Netzwerk von 100 Adressen in ganz Österreich an die 3000 Appellkarten an den Mann/die Frau bringen“, erzählt Riccabona. „Wir sind nur eine kleine Gruppe, aber wir werden von vielen unterstützt – auch finanziell.“
Ein besonderes Anliegen ist der Gruppe auch die Aktion „Kerze der Hoffnung“. Bereits in mehr als 200 Kirchen Österreichs brennt eine Kerze für Verfolgte. Dabei liegen auch Informationen und Appellkarten. Bei dieser Aktion wie auch bei Informationskampagnen (etwa über die religiöse Verfolgung in Pakistan und China) arbeitet die Gruppe eng mit CSI zurammen. „Die Kerzen-Aktion ist ein Versuch, Menschenrechtsanliegen bei den Kirchenmitgliedern stärker zu verankern“, betonnt Riccabona.