Es ist besser eine Kerze anzuzünden, als die Dunkelheit zu beklagen, lautet der Leitspruch von Amnesty International. Waltraud Demmel zündet eine Kerze an.
Thalheim bei Wels, am 26. Juni 2001. Der wunderschöne Garten mit Teich in der Trauneggsiedlung, Stella und David, die beiden aufgeweckten Enkelkinder, dann ihr Beruf als Berufsschullehrerin. Eigentlich hätte Waltraud Demmel genug zu tun.
Wäre da nicht Ines, die jüngste Tochter gewesen. „Und was tust du wirklich?“, fragte sie ihre Mama, als diese wieder einmal ihre Grundsätze bezüglich Gerechtigkeit und Zivilcourage zum Besten gab. Die Kinder sollten den Mund auch für die Angelegenheiten anderer aufmachen, hatte sie ihre Kinder stets aufgefordert. „Ungerechtigkeiten haben mich immer betroffen gemacht“, erzählt Waltraud Demmel. „Aber was tue ich wirklich?“ Vor sechs Jahren hat das Gespräch am Familientisch stattgefunden. Seither ist Waltraud Demmel bei der Amnesty-International-Gruppe Wels dabei. Kairo, Juni 2001. Salah al-din Mushin sitzt im Mazra’at-Tora-Gefängnis von Kairo. Am 27. Jänner 2001 wurde er zum zweiten Mal verurteilt. Drei Jahre Haft mit Zwangsurteil, lautete das Urteil für den Schriftsteller. „Ausnützung der Religion für extremistische und provokative Vorgänge, Verachtung oder Geringschätzung einer göttlich geoffenbarten Religion“, warf ihm die Urteilsschrift vor.
Der Gefangene teilt das Schicksal mit rund 30 Personen. Man greift auf unbekanntere Intellektuelle zurück, die in der Weltöffentlichkeit nicht soviel Aufmerksamkeit erregen wie seinerzeit Salman Rushdi mit seinen „satanischen Versen“.Salah al-din Mushin ist der neue „Fall“ der ai-Gruppe Wels. Für Waltraud Demmel war die Vorstellung oft schwer auszuhalten: Da sitzt ein Mensch unschuldig im Gefängnis – und wir sitzen bei Kaffee und Kuchen. Dabei müsste man doch Tag und Nacht aktiv sein, um etwas gegen das Unrecht zu tun.Inzwischen hat sie gelernt, die nötige Gelassenheit mitzubringen. In ihrer Gruppe braucht man kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn man sich eine Zeit lang zurücknehmen muss. Zurzeit versucht die Gruppe, Informationen über den Fall zu sammeln. Dann gilt es die Unterschriftenaktion genau zu planen. Schulen und Pfarren unterstützen die Gruppe. Die Mitglieder gestalten Gottesdienste. Und immer wieder gilt es, sich neue Strategien einfallen zu lassen.
Nach acht Jahren endlich frei
Acht Jahre lang war die Welser Gruppe mit ihrem letzten Fall beschäftigt. Ohne je eine Reaktion zu bekommen, haben die Mitglieder Tausende Unterstützungskarten verschickt. Es ging um Bruder Michael Nguyere von Thon in Vietnam. Der Ordensmann war 1987 mit Mitbrüdern wegen „antikommunistischer Tätigkeiten“ verhaftet worden. Amnesty International ging dem Fall nach. In Wirklichkeit bestand das Verbrechen Bruder Michaels in seiner Religionsausübung. Erst im Februar 2001 kam die erlösende Nachricht: Bruder Michael ist frei! Ob es die Arbeit der Gruppe war? Es lässt sich nicht sagen. Die Freude ist dennoch groß. Einige sind schon lange dabei: Ernst Gschendtner zum Beispiel, der Gruppensprecher, seit 1989. Sepp Plasser, von Beruf Rechtspfleger, gar schon seit 1973. Der Seelsorger Friedrich Purer gehört seit sechs jahren dem Team an. Und immer wieder finden sich junge Leute, die mitmachen. Heidi Perr, Computerspezialistin bei einer Landmaschinenfirma, hat ein „Computergedächtnis“. Sie erinnert sich an all die Fälle seit den 70er Jahren, vom Zeugen Jehovas in Griechenland bis zu Karoly Kiraly, der in Rumänien in Haft war. Er ist nicht freigekommen. Oder Chen Shih Ch’i aus Taiwan: er hat das Gefängnis nicht überlebt.