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Es kommt die Zeit für den Blick nach vorne

Bischof Dr. Alois Kothgasser im Interview
Ausgabe: 2001/28, Kothgasser, KMB, Blick, Sommerakademie
11.07.2001
„Es kommt die Zeit wo wir nicht mehr zurückschauen, sondern gemeinsam nach vorne blicken“. Der Innsbrucker Bischof Dr. Alois Kothgasser hat diesen Montag bei der Sommerakademie der Katholischen Männerbewegung den Blick nach vorne orientiert. Voraussetzung dazu: Ein offener Umgang mit dem, was in der Vergangenheit ungeklärt ist. In Bad Leonfelden geht es um Toleranz sowohl zwischen Religionen als auch in der Politik. Es gibt in der Tat gute, wenn auch kleine Beispiele. Die Linzer Pfarre St. Quirinus feierte den Schulschluss-Gottesdienst mit Kinder aus drei Konfessionen.Gerade in den grundlegenden Fragen der Menschenwürde bedarf es der Gemeinsamkeit. Kein Grundrecht darf ausgeklammert werden, betonte letzten Freitag Papst Johannes Paul II. vor kubanischen Bischöfen. Das Recht auf Nahrung steht für ihn auf derselben Stufe wie das Recht auf Meinungsfreiheit.


Toleranz in der Kirche ist die Basis für den rechten Umgang miteinander und für den missionarischen Elan, Zeugnis von Gottes Liebe zu geben, betont der Innsbrucker Diözesanbischof im Gespräch mit der Kirchenzeitung.

Ist Gott tolerant?

Bischof Alois Kothgasser:
Wenn Gott die Liebe ist, dann kann er nicht anders als tolerant sein: im Sinn des Respektes vor der Freiheit der einzelnen Person und im Sinn der Achtung der Würde eines jeden Menschen. Es würde der Liebe widersprechen, wenn er intolerant wäre. Außer der Mensch tut Dinge, die seinem Wesen nicht entsprechen und damit letztlich auch nicht dem Willen Gottes. Dann hat Gott wohl die Weisheit zu verhindern, dass der Mensch sich selber verfehlt.

Wenn Gott tolerant genannt werden kann, dann steht es auch der Kirche gut an, tolerant zu sein ...

Kothgasser:
Die Kirche hat in der Geschichte eher den Ausdruck Geduld gebraucht. Der Ausdruck Toleranz ist aber eine christliche Kategorie, die zutiefst biblisch verankert ist: in der Würde und Unantastbarkeit des Lebens.

Sie sind ein Befürworter von Vergebungsbitten. Für Sie ist das ein Weg mit der Intoleranz umzugehen, die die Kirche in vergangenen Jahrhunderten geprägt hat. Welchen Sinn macht „nachgeholte“ Toleranz?

Kothgasser:
Wir haben die Aufgabe, das, was geschichtlich nicht geklärt ist, aufzuarbeiten, damit uns manche Ereignisse nicht wie Klötze an den Beinen hängen. Wir tun diesbezüglich einiges: Wir beschäftigen uns zur Zeit mit der Vertreibung der Protestanten aus dem Osttiroler Defereggental. Wir können schon dankbar feststellen, was zwischen den Konfessionen und Religionen an Miteinander gewachsen ist. Erst wenn aufgearbeitet ist, können wir erleichtert den Weg in die Zukunft wagen und daran gehen, Visionen zu entwickeln, die im neuen Jahrtausend im Blick auf die Entwicklung der ganzen Menschheit dringend notwendig sind.

Wie schaut es aktuell mit dem toleranten Umgang innerhalb der Kirche aus: Zum Beispiel mit der Gruppierung „Wir sind Kirche“?

Kothgasser:
Die entscheidende Frage ist: Was wesentlich ist und was zweitrangig. Es gibt Dinge, die wir nicht in Frage stellen dürfen, wie die des kirchlichen Amtes – wenn auch die Ausgestaltung eine gewisse Zeitbedingtheit hat. Das Gespräch mit „Wir sind Kirche“ wird fortgesetzt, aber es ist in manchen Dingen ein wenig taub geworden.

Welche Anliegen sind taub geworden?

Kothgasser:
Taub ist die Frage der innerkirchlichen Reform, die in einer zu oberflächlichen Weise vorangetrieben werden soll. Ich bin da skeptisch. Wo eine Reform nicht tief genug im Evangelium und vor allem in der Spiritualität angesetzt wird, steht sie in der Gefahr strukturelle Veränderung vornehmen zu wollen, die aber das Herz der Menschen nicht verändert. Die wahre Reform kommt aus der Umkehr des Herzens und einem entschlossenen Leben nach dem Evangelium. Daraus kommt der tiefe Respekt voreinander, der rechte Umgang miteinander und der missionarische Elan, Zeugnis zu geben.

Interview: Josef Wallner


HINTERGRUND


Toleranz allein ist zu wenig


„Dass Christen tolerant sind, ist für mich nicht die entscheidende Frage: Sondern mich bewegt die Frage, ob sie Friedensstifter in den Konflikten dieser Zeit auch bei uns sind, ob sie Anwälte des Lebens auch für jene sind, die unter die Räder unserer effizienten Funktionsgesellschaft kommen. Denn dann werden wir merken, dass nicht einfach alles hingenommen werden kann, dass nicht einfach geduldet oder übergangen werden kann, sondern dass mehr gefordert ist. Die Christen sollen tolerant sein, aber vor allem sollen sie Friedensstifter und Förderer des Lebens sein. Erst so wird die Toleranz zu einer Tugend gegen die Bequemlichkeit“.

Bischof Dr. Alois Kothgasser bei der KMB-Sommerakademie


Sommerakademie der KMBÖ


Mit 250 Zuhörer/innen bis auf den letzten Platz gefüllt war der Festsaal in Bad Leonfelden bei dem Vortrag von Bischof Dr. Alois Kothgasser. Der Innsbrucker Diözesanbischof hielt am 9. Juli 2001 das Eröffnungsreferat auf der Sommerakademie der Katholischen Männerbewegung Österreichs (KMBÖ). Er sprach über das Thema „Kann Religion tolerant sein?“ Prof. Anas Schakfeh, Präsident der islamischen Glaubensgemeinschaft Österreichs, zeigte in einem Koreferat die islamische Sicht von Religion und Toleranz auf. Die Sommerakademie kreist um das Thema „Toleranz – eine Tugend gegen die Bequemlichkeit“. Schwerpunkte sind Ausländerfeindlichkeit, moderne Beziehungen sowie politische Überzeugungen. „Vor allem durch Begegnungen mit Menschen verschiedener Überzeugungen, soll das Thema Toleranz greifbar werden“, so die Organisatoren.
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