Der Krieg im Heiligen Land führt zur Verstimmung zwischen Vatikan und Israel. Im Zentrum der Kritik steht die Vatikanzeitung „Osservatore Romano“.
„Der Vatikan zeigt sein wahres Gesicht, und das ist der Antisemitismus!“, meint wütend Angelo Sermoneta. Der Vorsitzende des jüdischen „Vereins 48“ in Rom bringt ein Gefühl auf den Punkt, das die Runde macht. Im Zentrum der Kritik: die Kommentare der Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ über Israels Vorgehen in den Palästinensergebieten.Ähnlich harte Worte, zuletzt mehrfach geäußert, zeigen, dass der mühsam erreichte Dialog zwischen katholischer Kirche und dem Judentum gefährdet erscheint. Erst vor zwei Jahren hatten diese Beziehungen mit dem Besuch von Johannes Paul II. im Heiligen Land ihren Höhepunkt erreicht. Das Gebet des Papstes an der Klagemauer wurde als Krönung eines langen Prozesses empfunden, der mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil begonnen hatte. Karol Wojtyla, der viele jüdische Freunde im Holocaust verlor, hatte diese Entwicklung als Papst vorangetrieben.Doch seit dem 3. September 2000, als Papst Pius IX. (1792– 1878) selig gesprochen wurde, nehmen die atmosphärischen Störungen wieder zu. Denn tief im katholischen Antijudaismus seiner Zeit verwurzelt, gilt Pius IX. unter Juden als der „Papst, der das Ghetto wieder errichtete“.
Harte Worte
Als dann am 29. September 2000 die zweite Intifada losbrach, trübte sich das Verhältnis zwischen Rom und Israel weiter ein. Denn die große Mehrheit der Katholiken wie auch viele kirchliche Führer im Heiligen Land – etwa der lateinische Patriarch Michel Sabbah – sind Palästinenser. Im israelisch-palästinensischen Konflikt bilden sie nicht eine neutrale, dritte Kraft, sondern stehen objektiv auf der Seite der wirtschaftlich und militärisch unterlegenen Palästinenser. Besonders augenfällig wurde diese Rollenverteilung beim Einmarsch in Bethlehem, das als christliche Hochburg gilt. Es verwundert daher nicht, dass der Vatikan bei seinen jüngsten Äußerungen zum Konflikt die „Erniedrigung“ des palästinensischen Volkes scharf verurteilte. Mitunter wurden dabei im „Osservatore Romano“ auch Worte gewählt, die auf jüdischer Seite Verstimmung auslösen mussten. So hieß es, die „Aggression“ gegen die Palästinenser werde jetzt zur „Vernichtung“. Und als unlängst der vatikanische Außenminister, Erzbischof Jean-Louis Tauran, angesichts der Zuspitzung in Bethlehem Israels Botschafter beim Heiligen Stuhl, Yosef Lamdan, formell „einbestellte“, wurde gleichzeitig ein Vertreter der Arabischen Liga im Vatikan „empfangen“. Trotz dieser undiplomatischen Spitzen versichert Lamdan, das Verhältnis zwischen Israel und dem Vatikan sei „gut und eng“. Es ist offenbar noch nicht zu spät, die Ausweitung der Störungen hin zur echten Krise zu verhindern. Im Heiligen Land müssten Israels Truppen klar davon Abstand nehmen, christliche Stätten anzugreifen. Auf der anderen Seite kann auch der Vatikan einiges tun, um die bedrohten Beziehungen zu konsolidieren – etwa durch eine scharfe Verurteilung des in Westeuropa grassieenden „neuen Antisemitismus“ zum richtigen Zeitpunkt.
Geburtsbasilika: bisher in allen Kriegen respektiert
Lexikon
Die Geburtsbasilika in Bethlehem zählt zu den ältesten erhaltenen christlichen Gotteshäusern. Seit mehr als 1600 Jahren leben hier Mönche. An dem Ort, den Christen als Ort der Geburt Jesu verehren, wird fast immer gebetet. Auch nachts um eins oder morgens um fünf Uhr liegen Gesang und Weihrauch in der Luft. Im Jahr 326 veranlasste Kaiser Konstantin der Große die Erbauung der Basilika. Einige Teile dieser ursprünglichen Basilika sind erhalten, auch wenn das Gotteshaus in seiner heutigen Erscheinungsform vor allem auf die Zeit Kaiser Justinians des Großen (526–565) und auf die Kreuzfahrer-Epoche zurückgeht. Die Basilika enthält am Ostende der Krypta die „Geburtsgrotte“. Die Basilika steht heute im Eigentum des griechisch-orthodoxen und des armenisch-apostolischen Patriarchats von Jerusalem. Die Katholiken haben nur Gastrecht.Die Geburtsbasilika wurde nie zerstört – auch nicht während des Persisch-Römischen Krieges im Jahr 614, als Truppen von Shah Chosroes das Heilige Land verheerten. Die Basilika blieb verschont, weil die Heiligen Drei Könige dort als persische „Mobedhan“ (Priester der zoroastrischen Religion des alten Iran) abgebildet waren. Mit Beginn der islamischen Herrschaft im 7. Jahrhundert erhielt die Basilika nach einer Anordnung des Kalifen Omar besonderen Schutz – und blieb damit auch respektiert, als 1009 der fanatische Wahn des Kalifen Hakim viele andere Kirchen im Heiligen Land zerstörte.