In Bethlehem spitzt sich die Lage um die Geburtskirche zu. Ein Sprecher der Franziskaner bezeichnete den Angriff vom Montag als „schreckliche und barbarische Tat mit unvorhersehbaren Folgen“.
Es war in den Morgenstunden des siebten Tages der Belagerung: Am Montag um 3.10 Uhr früh dringen israelische Soldaten auf das Gelände der Geburtskirche vor. Unter Feuerschutz von Schützenpanzern und Scharfschützen seilt sich die Eliteeinheit ab. Zudem werden Brandgranaten geworfen. Im Pfarrbüro bricht ein Brand aus. Dass die neuerliche Gewalt rund um das geistliche Zentrum Bethlehems von der israelischen Armee ausgegangen ist, daran lassen die hier lebenden Franziskaner keinen Zweifel. Und sie weisen die Behauptungen Israels zurück, die Palästinenser hätten das Feuer eröffnet. Bilanz des Morgengrauens: Bei dem Versuch, das Feuer zu löschen, wurde der Palästinenser Khaled Syam (23) erschossen. Erst auf Druck der USA wurde ein Feuerwehrfahrzeug zum Gebäude vorgelassen. Zudem hat eine von den Israelis abgefeuerte Granate ein Glasfenster der Geburtskirche durchschlagen und im armenischen Teil des Gotteshauses eines der ältesten Mosaike beschädigt: jenen Zug der Heiligen Drei Könige, der über 14 Jahrhunderte die Geburtsbasilika vor Zerstörung verschont hatte (dazu Kasten rechte Seite).P. David Jaeger, Sprecher der Franziskaner-Kustodie im Heiligen Land, bezeichnete den Angriff als „eine schreckliche und barbarische Tat mit unvorhersehbaren Folgen“. Diese Gewalt gegen eine heilige Stätte sei „erschütternd“. „Ich erkenne mein Land nicht wieder“, sagte der Franziskaner, ein Konvertit aus dem Judentum. In den vergangenen Tagen hatte die Regierung Sharon versichert, die Geburtskirche und die angeschlossenen Gebäude nicht anzugreifen. Noch am Tag zuvor hatte der lateinische Patriarch von Jerusalem, Michel Sabbah, „Falschinformationen“ besonders von israelischer Seite kritisiert, wonach die in der Geburtskirche verbliebenen Ordensleute von den 200 palästinensischen Kämpfern als „Geiseln“ gehalten würden. Gleichzeitig verurteilte Sabbah in scharfen Worten die „Belagerung“ der Geburtsbasilika durch israelische Elite-Einheiten. Ministerpräsident Ariel Sharon sagte in einer Rede vor dem israelischen Parlament, die Armee werde die Geburtskirche so lang belagern, bis die internationale Gemeinschaft die dort verschanzten palästinensischen Kämpfer dazu gebracht habe, ihre Waffen niederzulegen und herauszukommen. Die Franziskaner haben in den letzten Tagen mehrfach bekundet, dass sie sich nicht als „Geiseln“ der Palästinenser fühlen. Bereits am Donnerstag war der Glöckner der Geburtskirche, Samir Ibrahim Salman (45), bei Kämpfen zwischen israelischen Soldaten und Palästinensern getötet worden.
Babyspital in Bethlehem
Zur Sache
Seitdem die israelische Armee ihre Großoffensive am Ostermontag auf Bethlehem ausgeweitet hat, ist das Caritas-Baby-Hospital von der Außenwelt abgeschnitten. Jene Ärzte und Schwestern, die gerade ihren Dienst versahen, als die Ausgangssperre über die Stadt verhängt wurde, konnten seit mehr als einer Woche das Krankenhaus nicht verlassen. Sie betreuen die verbliebenen 20 Kinder. „Wir sind nervös und verängstigt“, beschreibt Martha Troxler die Stimmung beim Personal. Die gebürtige Schweizerin ist die wirtschaftliche Leiterin des Spitals: „Die Mitarbeiter sorgen sich um ihre Familien und Freunde, von denen sie seit Tagen nichts gehört haben.“ Der ständige Lärm durch Panzer und Helikopter lasse niemanden zur Ruhe kommen. „Selbst Neugeborene weisen typische Stresssymptome auf“, erklärt Troxler. Auf dem Gelände des Hospitals ist es bisher weder zu Schießereien gekommen, noch ist die Einrichtung von der Armee besetzt worden. „Wir hoffen, dass dies auch in Zukunft so sein wird, sagt Klaus Röllin, Geschäftsführer der Kinderhilfe Bethlehem, zur der Kirchenzeitung. Ulrike Prenninger, die in Bethlehem tätige Kinderkrankenschwester aus Oberösterreich, hatte vor dem 1. April ihren Urlaub in Europa angetreten.