In wenigen Monaten geht Konrad in Pension. Ilse macht sich schon Sorgen, wie das werden wird. Das war nicht immer so. Sie hatte sich zusammen mit ihrem Mann auf die Zeit seiner Pensionierung gefreut. Jetzt aber, wo es bald so weit ist, fürchtet sie sich eher davon. Bisher hat Konrads Berufsarbeit einen Großteil der Zeit ausgefüllt. Darüber hinaus hat Konrad die letzten Jahre immer weniger Freizeitinteressen gezeigt. Mittlerweile verbringt er so gut wie seine ganze Zeit vorm Fernseher. Wenn Ilse etwas unternehmen will, winkt er schnell ab, so dass sie immer seltener ihre Wünsche äußert. Und bald wird sie diesen Mann, den sie ja aus Liebe geheiratet hat, Tag und Nacht bei sich haben ...
Für Ilse stellt sich mit der Pensionierung ihres Mannes unter anderem die Frage, wie sie mit so viel äußerer Nähe bei zunehmend innerer Distanz umgehen wird. Für sie könnte es hilfreich sein, sich von dem tief eingewurzelten Vorurteil zu lösen, dass Liebe sich nur im Wunsch nach Nähe äußere, und jede Distanz zum Partner ein Zeichen für fehlende Zuneigung ist.
Ilse und Konrad, die ohnehin nicht der „Alles-gemeinsam-Ideologie“ aufsitzen, werden überlegen müssen, was sie gemeinsam unternehmen werden und was jeder für sich tun wird. Das betrifft neben der Freizeit auch den gemeinsamen Haushalt. In diesem Arbeitsfeld bewährt sich Tag für Tag die Partnerschaft. Die Aufteilung der notwendigen Tätigkeiten muss aber so vereinbart werden, dass ein Höchstmaß an Zufriedenheit für beide gewährleistet ist.Noch ist es für Konrad nicht zu spät, bewusst etwas Interessantes zu suchen, das seine berufliche Tätigkeit ersetzen kann (Natur, Kultur, soziales Engagement in Kirche und Gesellschaft). Manche Paare fangen allerdings schon in der Mitte des Lebens an, darüber nachzudenken, was ihr Leben in der Pension ausfüllen könnte.Vielleicht gelingt es Ilse und Konrad auch, die Außenkontakte mit Freunden (wieder) zu beleben und zu vertiefen oder neue zu knüpfen.
Wichtig wird auf alle Fälle sein, dass Ilse ihre Sogen schon bald mitteilt. So ermöglicht sie Konrad, an ihrem Leben teilzuhaben. Trotzdem kann es sein, dass auch in Zukunft nur eine begrenzte Intimität oder ein faires, höfliches und respektvolles Nebeneinander möglich ist.
Pfarrer Mag. Franz Harant antwortet als Ehe-, Familien- und Lebensberater.