Mychal Judge liebte New York und seine Feuerwehrleute. Der bescheidene Franziskaner wollte eine Brücke zwischen Gott und den Menschen sein.
Es war kurz nach 8.45 Uhr, als Bruder Brian in Mychals Zimmer stürmt. Soeben hatte der Franziskanermönch ein Flugzeug über seinen Kopf brausen und kurz darauf Rauch aufsteigen sehen. „Mychal, ich glaube, sie brauchen dich“, sagt Brian. „Ein Turm des World Trade Centers steht in Flammen.“ Eilig tauscht Mychal Judge seinen Habit gegen die Feuerwehrkluft.
Hinein statt heraus
Vom Kloster braucht er nur die West 31. Straße zu überqueren, und schon sitzt der 68-Jährige im Wagen, der zum Unglücksort braust. Noch kurz bevor der stadtbekannte Priester den brennenden Nordturm erreicht, sagt New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani zu ihm: „Mychal, bitte, bete für uns!“ Der dreht sich um und ruft mit seinem typisch irischen Lächeln: „Das mache ich immer!“ Und während Tausende dem Flammeninferno zu entkommen versuchen, laufen sie hinein: Feuerwehrleute und Rettungskräfte – und mit ihnen der Kaplan der firefighters, P. Mychal. „Wir standen im Krisenzentrum“, erinnert sich Christian Waugh. „Mychal hatte den Helm abgenommen und betete bei einem Kameraden der 216. Einheit. Er spendete gerade das letzte Sakrament“, als plötzlich ein Orkan aus Rauch und Zementstaub die Eingangshalle in finsterste Nacht hüllte. „Wir konnten weder atmen noch etwas sehen“, schildert Bill Cosgrove. Lange Minuten waren es, ehe die Einsatzkräfte mit ihren Stirnlampen wieder etwas sehen und ihn entdecken konnten. P. Mychal lag am Boden, mit Staub bedeckt. Als fünf Männer den Feuerwehrkaplan, der als erstes Opfer die Todesliste des 11. September 2001 in New York anführt, aus Ground Zero in die nahe gelegene St.-Peter-Kirche tragen, entsteht ein Foto, das tags darauf in allen Zeitungen zu sehen ist.
Dem Leben nachgehen
„Es ist die Geschichte eines Menschen, der an diesem Tag wirklich nicht sterben hätte müssen“, meint Sr. Mary Johnson. Die US-amerikanische Ordensfrau erklärt, dass aber gerade sein Einsatz für die Menschen besonders Jugendliche enorm bewegt – auch noch Monate später: „Er war weder ausgebildet noch wurde er dafür bezahlt, ins Inferno hineinzugehen. Er hätte auch am Gehsteig, sozusagen hinter der Absperrung stehen bleiben können und er wäre sicher noch o. k. Aber das war nicht sein Weg.“
Eine Brücke sein
„Mychal liebte es dort zu sein, wo etwas los war“, meint sein Freund und Ordensbruder Michael Duffy beim Begräbnis vor Tausenden Trauergästen. „Er wollte dort Gott einschalten, wo es eine Krise gab. Das war seine Art. Er war die Brücke zwischen den Menschen und Gott. Und das liebte er.“ Judges Einsatz im Chaos der Metropole galt aber nicht nur den Männern der Feuerwache in der West 31. Straße, sondern auch Aids-Kranken, Homosexuellen und den Anonymen Alkoholikern. Sie hatten ihm 23 Jahre zuvor geholfen, selber vom Alkohol wegzukommen. P. Duffy: „Es war offensichtlich, wie sehr er die Menschen von der New Yorker Feuerwehr liebte. Und das war es auch, als er starb.“
Berufung in Nordamerika
Zur Sache
Vom 18. bis 21. April findet im kanadischen Montreal der nordamerikanische Kongress über Berufungen statt. Mehr als 1000 Teilnehmer aus den USA und Kanada werden erwartet. Symbolträchtig ist auch das Motto der Veranstaltung, das aus drei Sprachen besteht: Berufung (Spanisch), ein Geschenk Gottes (Französisch), gegeben an das Volk Gottes (Englisch). Damit wird besonders die Rolle der Spanisch sprechenden Katholiken in den USA betont, die heute als die am schnellsten wachsende Gruppe innerhalb der katholischen Kirche gilt. Rainer Birkenmaier, Direktor des deutschen Zentrums für Berufungspastoral in Freiburg, zur Kirchenzeitung über seine Erwartungen: „Ich hoffe vor allem auf praktische Impulse. Denn das Schlussdokument der europäischen Konferenz 1997 in Rom hat zwar wichtige spirituelle Impulse gebracht. Aber es blieb sehr unkonkret.“ Hauptanliegen des Kongresses, von Johannes Paul II. einberufen, ist es, „ein positives Umfeld für mehr Priester- und Ordensberufe zu schaffen“. Angesichts der seit Wochen anhaltenden Diskussionen in Nordamerika über sexuellen Missbrauch von Kindern durch Priester eine schwierige Aufgabe. Birkenmaier: „Das wird zur Sprache kommen müssen. Ich bin gespannt, wie damit umgegangen wird.“