980 Jahre trennen Papst Leo IX. und Marcell Callo. Der Heilige und der Selige stehen sich dennoch nahe.
Der eine war Papst. Leo IX. Sein Grab befindet sich im Petersdom. Er war einer der deutschen Päpste des Mittelalters, ein Reformer im 11. Jahrhundert. Mit 24 wurde er Bischof einer französichen Diözese, mit 46 Papst.Franzose war auch der andere. Marcell Callo. In Rennes wurde er als zweites von neun Kindern 1921 geboren. Er engagierte sich in der katholischen Arbeiterbewegung, musste zur Zwangsarbeit, als die Deutschen seine Heimat besetzten. Er wurde verhaftet, ins Konzentrationslager Gotha gesteckt und schließlich nach Mauthausen gebracht. Am 19. April 1944 starb er dort an Erschöpfung. Es war auf den Tag genau 890 Jahre, nachdem Leo IX. in Rom gestorben war. Das Lebensende Leos IX. war nicht unähnlich dem des Marcell Callo: Nur fünf Jahre war er Papst. Die Kirche versuchte er in dieser Zeit auf das Wesentliche zurückzuführen. So wandte er sich gegen die Käuflichkeit der Ämter, er entzog die Kirche dem Einfluss der weltlichen Macht. Schließlich wurde er von den Normannen in Rom gefangen genommen. Neun Monate war er in Haft. Ausgezehrt und erschöpft starb er sechs Wochen nach seiner Freilassung am 24. April 1054. Ausgezehrt und erschöpft. So endete das Leben zweier großer Gestalten der Kirche. Wäre Rom nicht von den Normannen erobert worden, Leo IX. hätte wohl noch lange als Papst wirken können. Wären die Nationalsozialisten nicht so mächtig geworden, Marcell Callo hätte ein aktives erfüllendes Leben weiterführen können. Möglicherweise würde der gelernte Buchdrucker noch heute in der Stadt Rennes mit seinen Verwandten den üblichen landesüblichen Sider, einen Obstwein, trinken. „Heilig“ wird ein Mensch nicht, weil er selbst auf dieses Glaubensziel hinsteuert. Leo IX. hätte als Graf von Egisheim, der er in der Jugend war, ein durchaus angenehmes Leben vor sich gehabt. Wäre es das Ziel Marcell Callos gewesen, durch die politischen Wirrnisse der Zeit unbeschadet durchzukommen, er hätte dies bei seiner Intelligenz geschafft. Sie wollten aber den Sieg nicht für sich selbst, sondern dass Christus unter den Menschen lebt. Glaube erfüllt nicht nur. Er zehrt auch aus. So lebten sie. So starben sie.