Der arbeitsfreie Sonntag müsse als „gemeinsame Atempause“ für möglichst viele Menschen erhalten bleiben. Damit widersprach Bischof Aichern den Vorstößen von „Handelsriesen“.
„Die Mehrheit der Bevölkerung will das nicht, dass zur Profitsteigerung einiger weniger der arbeitsfreie Sonntag aufgegeben wird.“ Das betonte der Sozialreferent der Österreichischen Bischofskonferenz, Maximilian Aichern, vergangene Woche. Zum Auftakt der ersten österreichweiten Kampagne der „Allianz für den freien Sonntag“ wandte sich Aichern scharf gegen die erst vor kurzem wieder lauter gewordenen Rufe nach einer Ladenöffnung am Sonntag. Die Umsatzrückgänge im Handel im Rezessionsjahr 2001 dienten einigen Managern von großen Möbel-, Elektro-, Foto- und Lebensmittelketten, eine Ausweitung der Verkaufszeiten auf Sonntag zu fordern. Für Aichern geht dieser Vorstoß nicht nur auf Kosten der Klein- und Mittelbetriebe sowie der Handelsangestellten, er sieht in dem „Daueröffnungsstress“ auch eine Gefährdung des Gemeinwohls. Für den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft seien gemeinsame freie Zeiten, wie sie der Sonntag noch immer für einen Großteil der Menschen in Österreich bietet, unerlässlich.
Gemeinsame Zeit
„Der gemeinsame arbeitsfreie Sonntag ist ein Zeichen dafür, dass der Mensch mehr ist als Arbeitskraft und Konsument“, betonte ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch anlässlich der Gründung der Sonntags-Allianz. Er widerspricht damit jenen „neuen Propheten“, für die Freizeit und Einkaufen immer öfter dasselbe sind. So etwa kritisierte kürzlich der Shoppingcenter-Manager Maurizio Totta die Sonntagsruhe und meinte, „wie lange man denn den Österreichern noch vorschreiben will, wie sie ihre Freizeit zu verbringen haben“. Markus Glatz-Schmallegger, der Koordinator der Sonntags-Allianz, sieht in diesen Trends eine Herausforderung: „Es genügt auf die Dauer nicht, den Sonntag allein rechtlich abzusichern, die Menschen müssen mit dieser Atempause auch etwas anzufangen wissen.“
Der neuen Kampagne der Sonntags-Allianz geht es mit der Frage „Schneller leben?“ genau darum, die Bedeutung der gemeinsamen freien Zeit für die Lebensqualität deutlich zu machen. Birgit Bolognese-Leuchtenmüller von der Wirtschaftsuni Wien betonte bei der Startveranstaltung, wie wichtig bestimmte Zeitstrukturen für das gesellschaftliche Leben sind. So diene Freizeit in besonderer Weise der Pflege emotional wichtiger Beziehungen in den Familien unnd im Freundeskreis. Doch dazu müssten „möglichst viele Menschen zur selben Zeit arbeitsfrei haben“. Gemeinsame Freizeit sei auch die Voraussetzung dafür, dass sich Menschen in sozialen Projekten oder Vereinen engagieren.
Was es bedeutet, wenn die freie Zeit der Menschen durch flexible Arbeitszeitmodelle so zerstückelt wird, dass sie kaum mehr gemeinsam verbracht werden kann, weiß der Wolfsburger Betriebsseelsorger Hans Finette. „Das führt zu einem gewaltigen Einbruch in den sozialen Kontakten, zu einem Ansteigen der Scheidungen und der Krankenstände.“ Während die Industrie diese negativen Auswirkungen erkannt habe – so hört VW jetzt mit der Produktion bereits am Samstag Mittag auf –, „kommt ein neuer Druck zur Sonntagsarbeit von den Handelsketten. Die erfinden laufend neue Tricks zum Aufperren“, berichtet Finette der Kirchenzeitung.
Zeit zum Leben
Zur Sache
Vergangene Woche hat die „Allianz für den freien Sonntag“ die Kampagne „Schneller leben? Lebensqualität durch gemeinsame freie Zeit“ gestartet. „Unser Anliegen ist es, durch viele dezentrale Veranstaltungen unserer 46 Mitgliedsorganisationen auf den inneren Wert des Sonntags aufmerksam zu machen. Denn nur wenn es ein breites und starkes öffentliches Bewusstsein über die Bedeutung von gemeinsamer freier Zeit gibt, können wir die scheibchenweise Aushöhlung des Sonntags verhindern“, betont Allianz-Koordinator Markus Glatz-Schmallegger. Höhepunkte der Kampagne sind bundesweite Aktionswochenenden vom 8. bis 11. November 2002 und im Herbst 2003. Da die Sonntags-Allianz ein sehr breites Bündnis – von Kirchen und Vereinen bis zu Gewerkschaften und Wirtschaftsleuten – ist, wurde ein Thema gewählt, das alle betrifft. In einem Informationsfolder werden einige Aspekte von „Zeit und Lebensqualität“ gut dargestellt. Es wird über die wachsende Zeitnot vieler berichtet, über Versuche, die gemeinsame freie Zeit durch Deregulierung einzuengen. Der Mensch aber brauche gemeinsame freie Zeit möglichst vieler zum Leben (mit der Familie, mit Freunden), zum Feiern (Liturgie, Feste …), zum Handeln (in Vereinen, Kultur…).- Informationen und Folder: Kath. Sozialakademie/Sonntag, Schottenring 35, 1010 Wien. www.ksoe.at/schnellerleben