Hermann sucht schon längere Zeit nach einer Gefährtin, träumt vom Heiraten. „Langsam wird es Zeit“, sagt er. Hermann wohnt zu Hause am Bauernhof, den er mit seiner Mutter bewirtschaftet. Der Vater ist bei der Musik, ist nicht viel daheim und hat mit der Landwirtschaft nicht viel Freude. Eines Tages klappt es. Hermann lernt Beate, ein nettes Mädchen, kennen und bringt sie mit nach Hause. Nach kurzer Zeit sagt die Mutter zu ihr: „Ich bin froh, dass du bald meine Arbeit übernehmen wirst, komm, ich zeigt dir den Hof.“ Beate kam nicht mehr zum nächsten Rendezvous, brach die Beziehung ab. “Warum passiert mir so etwas?“, fragte sich Hermann, „hat meine Mutter das absichtlich gemacht?“
Die Antwort:
– Die Beziehung zwischen Hermanns Vater und Mutter ist sehr kühl geworden. Chefin am Hof ist die Mutter. Hat der Vater zu Hause zu wenig Platz und Anerkennung bekommen? Warum ist er nicht Partner seiner Frau geworden?
- Hermann vertritt am Hof den Vater. Wenn er eine feste Beziehung eingehen würde, würde die Mutter das Gefühl bekommen, eine wichtige Bezugsperson zu verlieren, denn mit ihm bespricht sie die anfallende Arbeit, neue Anschaffungen. Sie sind ein gutes Team.
- Hermann möchte sich am Hof eine eigene Wohnung schaffen, doch seine Mutter ist dagegen. Traurig stimmt er dem zu: „Ist eh wahr, kostet nur viel Geld und wer weiß, ob ich heirate“.
- Hermann ist seiner Mutter noch zu „treu“. Er möchte sie nicht verletzen, sie nicht alleine lassen, er ist ihr für so Vieles dankbar. Da ist es schon schwer, eigene Entscheidungen zu treffen.
- Wenn er eine feste Beziehung hätte, würde die Mutter eher ihre Einsamkeit spüren und ihren Mann vermissen oder ihn sogar wieder neu entdecken.- Vielleicht hat Hermann auch selbst Angst davor, sich von der Geborgenheit der Mutter abzuwenden und sich auf die Unsicherheit der Partnersuche einzulassen?
Robert Bly schreibt im Männerbuch ‚Der Eisenhans’: „Den Schlüssel für die Freiheit des Sohnes versteckt die Mutter unter ihrem Kopfpolster. Söhne, die Männer werden wollen, müssen den Schlüssel von der Mutter stehlen, wenn sie schläft“, d.h. Hermann muss lernen, eigene Entscheidungen zu treffen. Diese Kraft und den Willen dazu spürt Hermann noch zu wenig.
Karin Remsing ist Dipl. Ehe-, Familien- und Lebensberaterin in der Diözese Linz.