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Kriegsfalken im Land des gewaltlosen Widerstands

Ausgabe: 2002/24, Wurzeln, Konflikte, Jammu, Kaschmir, Wiederstand;
11.06.2002
Mit außenpolitischer Härte lenken Pakistan und Indien von inneren Schwierigkeiten ab. Dabei dauert der Konflikt um Kaschmir schon 55 Jahre.

Selbst der russische Präsident Wladimir Putin scheiterte letzte Woche beim Versuch, die verfeindeten Nachbarn Indien und Pakistan zu einem Gespräch zu bewegen. Gelegenheiten dazu hätten sich auf dem Asiengipfel im kasachischen Almaty leicht arrangieren lassen.
Doch für den indischen Premierminister stand Unnachgiebigkeit auf der Tagesordnung. Atal Behari Vajpayee weigerte sich, mit Pakistans Militärmachthaber Pervez Musharraf auch nur zu reden. Er verlangte – ganz im Tonfall des US-Präsidenten – für Indien das Recht, den Terrorismus ausrotten zu können. Für ihn war klar, dass Pakistan hinter sämtlichen Terroranschlägen und den Unruhen in Kaschmir stecke. Auf beiden Seiten der Grenze stehen sich je eine Million Soldaten gegenüber, und die Atomraketen sind in Stellung gebracht. Nach dem Überfall auf das indische Parlament, bei dem im vergangenen Dezember 16 Menschen starben, standen beide Atommächte schon einmal kurz vor einem Waffengang. Druck der USA auf Pakistan und russische Vermittlungsangebote an Indien entschärften die Lage. Im Februar jedoch überfielen muslimische Extremisten einen Eisenbahnzug mit Hindunationalisten und töteten 57 Menschen. Seit daraufhin im westindischen Bundesstaat Gujarat annähernd 1000 Menschen bei Unruhen getötet wurden, konnte die internationale Diplomatie nur mühsam einen Kriegsausbruch verhindern.

Konflikt um Kaschmir



Neben dem Terrorismusvorwurf Indiens an Pakistan steht zwischen beiden Staaten immer wieder der geteilte Bundesstaat Kaschmir. Unter dem Druck muslimischer Freischärler hatte der Maharadscha von Jammu und Kaschmir am 26. Oktober 1947 den Anschluss an Indien erklärt (dazu Lexikon unten). Doch weder die im Beitrittsvertrag zugestandene Autonomie wurde umgesetzt noch die angekündigte Abstimmung der Kaschmiris über ihre Zukunft unter UN-Kontrolle abgehalten. Stattdessen führten gefälschte Wahlen sowie die teilweise direkte Verwaltung durch Delhi zu Unruhen und immer mehr indischen Truppen in der Himalayaregion.
Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan und dem Sieg der Mudschaheddin waren in den 90er Jahren nicht nur Waffen frei verfügbar. Viele Kaschmiris hatten auch Kriegserfahrungen auf Seiten der Mudschaheddin gesammelt. Unter Mithilfe von Pakistan, das in seinem Teil Kaschmirs jedes Autonomiebestreben streng unterband, konnten sie den indischen Truppen empfindliche Verluste zufügen. Bei der Bekämpfung wurden von indischen Militärs viele unschuldige Zivilisten getötet, verhaftet, gefoltert, was nur noch mehr Sympathien für die Aufständischen weckte.
Verschärft wurde die Konfrontation 1998 durch den Amtsantritt der hindu-nationalistischen Regierung in Delhi. Die „Indische Volkspartei“ (BJP) von Premierminister Vajpayee, der eine Regierung aus 24 Parteien anführt, hat seit ihrer Gründung die Streichung des Artikels 370 aus der Verfassung im Parteiprogramm. Dieser sichert Kaschmir das Recht auf Autonomie zu. Nach einer Serie von Niederlagen bei Landtagswahlen in diesem Jahr suchte die nationalistische BJP offenbar Sündenböcke. Wer im Inland schwach ist, demonstriert Stärke nach Außen. Einen möglichen Krieg mit Pakistan unterstützt deshalb nicht nur die Regierungskoalition, sondern auch die größte Oppositionspartei, die Congress Partei unter Sonja Gandhi.

Demos gegen Kriegsgefahr



Sind denn alle im Land des gewaltlosen Widerstands zu Kriegsfalken mutiert? Die Friedensbewegung wagt in den Großstädten immer wieder Demonstrationen gegen die Kriegsgefahr. Dabei nehmen sie Drohungen nationalistischer Schlägertrupps in Kauf. Arundhati Roy, Indiens unerschrockenste Schriftstellerin, mahnte allerdings auch den Westen wegen seiner Rüstungsexporte nach Indien und Pakistan: „Sie bringen ihre Waffen rein und holen ihre Leute raus.“

Harald Schmautz




Wurzeln des Konfliktes um Jammu und Kaschmir




Lexikon

In ihrer Kolonialzeit hatten die Briten nur rund die Hälfte des indischen Subkontinentes (heute Indien, Pakistan und Bangladesch) direkt regiert. Im anderen Teil herrschten relativ unabhängige Maharadschas. Als hinduistischer Herrscher mit überwiegend muslimischer Bevölkerungsmehrheit war sich der Maharadscha von Jammu und Kaschmir der Gefahr bewusst, die durch die Teilung in Indien (Hindus) und Pakistan (Moslems) entstanden war. Sofort nach Ende der britischen Herrschaft am 15. August 1947 brachen Kämpfe zwischen den beiden Staaten aus: Millionen von Menschen wurden bestialisch ermordet. Hindus flüchteten in Richtung Indien, Moslems nach Pakistan. Als nach anfänglicher Ruhe auch in Kaschmir muslimische Freischärler einfielen, erklärte der Maharadscha am 26. Oktober 1947 den Anschluss an Indien. Indische Truppen sicherten zwei Drittel des Territoriums, ein Drittel ging an Pakistan. In den Kriegen von 1965 und 1971 bewegte sich die Waffenstillstandslinie kaum. Nur nach dem Indisch-Chinesischen Krieg von 1962 hatte sich die Volksrepublik ein großes Stück von Kaschmir gesichert, was von Pakistan anerkannt wurde. Indiens erster Premierminister Nehru, dessen Großvater aus Kaschmir stammte und von dort den Ehrentitel Pandit mitbrachte, war sich der Besonderheit der Region bewusst. Er ließ Artikel 370 in die indische Verfassung aufnehmen, der den Kaschmiris das Recht auf Autonomie zuspricht. Zudem sollte laut Beitrittsvertrag eine von der UNO überwachte Volksabstimmung den endgültigen Status bestimmen. Nichts davon wurde eingehalten.
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