Für die anglikanische Kirche war es ein drängenderes Problem als die Ökumene: die Kontroverse um die Priesterweihe von Frauen.
Als weltweit erste anglikanische Priesterin wurde Florence Tim Oi Li aus Hongkong 1944 von Bischof Ronald Hall geweiht. Für den Erzbischof von Canterbury, der darüber empört reagierte, war der Schritt ganz entschieden gegen alle Gesetze der Church of England. Doch Bischof Hall rechtfertigte sein Vorgehen als Notmaßnahme im Zweiten Weltkrieg: Er habe Tim Oi Li nicht geweiht, weil er für die Frauenweihe eintrete, sondern um anglikanischen Christen den Empfang der Sakramente zu ermöglichen. Und das in einem Gebiet, wo es wegen des Krieges keine Priester gab. Hall gab sich fest überzeugt, dass die Weihe von Tim Oi Li in den Augen Gottes gültig war. Dennoch musste sie ihr Priesteramt 1948 „offiziell“ wieder niederlegen. Als 26 Jahre später sich die anglikanische Kirche in der Kronkolonie Hongkong zur Frauenweihe entschloss, durfte Tim Oi Li wieder ihr Amt ausüben.
Zeitpunkt: inopportun
Ebenfalls 1974 wurden in den USA elf Frauen „irregulär“ von zwei Bischöfen geweiht. Zwei Jahre später wurde in den USA die Frauenweihe eingeführt. All dies führte dazu, dass auch in England die Frage der Frauenweihe immer häufiger diskutiert wurde. Noch 1978 hatte Robert Runcie als Bischof von St. Albans dagegengestimmt. Der spätere Erzbischof von Canterbury war „katholisch gesinnt“ und ein enger Freund der orthodoxen Kirche. Er fürchtete zwei Dinge: eine Spaltung innerhalb der anglikanischen sowie eine Verschlechterung der Beziehungen zur römisch-katholischen und orthodoxen Kirche. Er befasste sich intensiv mit der Frage und korrespondierte diesbezüglich mit Kardinal Willebrands, dem Leiter des päpstlichen Rates für die Einheit der Christen. Runcie kam zum Schluss, dass ein Priester die volle Menschlichkeit Jesu verkörpere und diese nicht auf seine Männlichkeit beschränkt sein könne. 1988 erklärte der Erzbischof von Canterbury der anglikanischen Generalsynode, er sei zur Überzeugung gelangt, dass die Frauenweihe eine Erweiterung des katholischen Priestertums mit sich bringe. Sie würde das Priestertum öffnen und nicht umstürzen, sagte er. Gleichzeitig war sich Runcie bewusst, dass der Zeitpunkt ökumenisch höchst inopportun war. Heute bezweifelt niemand mehr, dass der 1992 mit einer Zweidrittelmehrheit von der Generalsynode verabschiedete Beschluss zur Frauenordination der größte Umbruch in der anglikanischen Kirche seit der Reformation von 1533 war. Viele Laien waren begeistert, Bischöfe und Priester jedoch waren weit weniger enthusiastisch: 300 legten aus Protest ihr Amt nieder. Nicht wenige von ihnen traten zur katholischen Kirche über. Die Gegner der Frauenweihe drohten, Tausende Anglikaner könnten folgen. Um einen Massenexodus von Traditionalisten zu vermeiden, wurde 1993 eine „versöhnende“ Maßnahme gesetzt. Vier „fliegende“ Bischöfe betreuen nun jene 850 der insgesamt 13.000 englischen Pfarren, in denen sich die Mehrheit gegen die Frauenweihe ausgesprochen hatte. Dieser Versuch, beide Seiten nachträglich zufrieden zu stellen, verfehlte aber den Zweck. Anstatt zu versöhnen, wurden damit die Unterschiede nur noch vertieft.
Entstaatlichung der Kirche
England hatte sich inzwischen rasant geändert. Vor allem in den größeren Städten ist die Gesellschaft multikulturell und vorwiegend säkular geworden. Dennoch ist die „Kirche von England“ das weltweit einzige Mitglied der anglikanischen Gemeinschaft, das noch eine Staatskirche ist. Ob sie es bleiben soll oder nicht, das ist heute eine der am meisten diskutierten Fragen. Krone, Parlament und Kirche sind allerdings so eng verflochten, dass eine vollkommene „Entstaatlichung“ der Kirche von England in den Augen vieler mehr zerstören als an Vorteilen bringen könnte. Jene Gesetze aus dem 16. Jahrhundert, die heute hinterfragt werden, sind vor allem die Rolle des Monarchen als „Oberster Gouverneur der Church of England“, das Recht des Parlaments, in kirchliche Angelegenheiten einzugreifen, und die gesetzlich verankerte, diskriminierende Haltung gegenüber Katholiken.
Christa Pongratz-Lippitt ist Österreich-Korrespondentin der katholischen Wochenzeitung „The Tablet“ in London.
125 Jahre Christ Church in Wien
Zum Thema
In Österreich ist die anglikanische Kirche staatlich nicht anerkannt. Daher gelten die rund 400 Anglikaner vor dem Gesetz als „ohne Bekenntnis“. Die Gemeinde um die „Christ Church“ im 3. Wiener Gemeindebezirk leitet Reverend Patrick Curran und gehört zur Diözese Europa, die von Gibraltar bis Wladiwostok reicht und die größte Diözese aller christlichen Kirchen ist.
Der Anfang der anglikanischen „Christ Church“ in Wien liegt im Jahr 1875, als sich der Reichsrat mit dem Bau einverstanden erklärte. Die britische Regierung müsse diese jedoch unter den Schutz ihrer Botschaft stellen. Gleichzeitig verlangte London von den ansässigen Engländern, dass sie nie um finanzielle Hilfe für den Erhalt ihrer Kirche bitten dürften. Bereits am 11. Juni 1887 konnte das von Architekt Viktor Rumpelmayer im gotischen Stil erbaute Gotteshaus eingeweiht werden. Dieses 125-Jahre-Jubiläum wurde am 14. April mit Bischof Geoffrey Rowell begangen. Und am 3. Juli feiert Aileen Hackl in „Christ Church“ ihre Primiz. Die mit einem Österreicher verheiratete Britin wird am 29. Juni in Canterbury von Erzbischof George Carey zur Priesterin geweiht. cpl