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Indien: vereint kämpfen

Frauen überwinden Religionsbarrieren im Einsatz für ein besseres Leben
Ausgabe: 2002/24, Wahnsinn, Indien, kämpfen, Zinswucher, Kampf;
11.06.2002
- Walter Achleitner
An der Grenze zu Bangladesch fördert die Aktion „Familienfasttag“ ein Projekt von Hindus, Moslems und Christen: Frauen leben ein Modell des neuen Miteinanders.

Für ihr Treffen haben die Frauen von Polerhat den Vorhof zum Hindutempel gewählt. Hier im Schatten lässt es sich besser reden: über die große Hitze, und den bevorstehenden Monsun. Der angeblich heißeste Sommer seit 100 Jahren hat in den Sunderbans, wie das Flussdelta von Ganges und Brahmaputra genannt wird, zu enormen Ernteausfällen geführt. Zwar hoffen alle auf Regen. Aber schießt das Wasser zu schnell in das Land unter Meeresniveau, dann wird auch noch der karge Rest der Ernte vernichtet.
In Polerhat, rund 80 Kilometer südlich von Kolkata, wie die westbengalische Metropole Kalkutta jetzt heißt, leben rund 200 Familien. Die Mehrheit von ihnen sind Hindus und Moslems, aber auch einige Christen zählen zur Dorfgemeinschaft. Und diese wurde seit jeher von Männern geprägt. „Es sind sehr mutige Frauen, die diese Struktur aufgebrochen haben“, meint Barbara Preitler. Die Indien-Expertin der Dreikönigsaktion hat vor kurzem die Bengalinnen in Polerhat besucht. „Es ist ein Meilenstein, wenn sich Frauen außerhalb ihres Verwandtschaftskreises treffen. Dabei sprechen sie noch dazu über Dorfpolitik und Geldverwaltung.“ Mittlerweile haben es die Frauen der ersten Stunde weit gebracht: drei Gruppen treffen sich jede Woche, jede dritte Frau arbeitet mit am Projekt der Dorfentwicklung.

Kampf dem Zinswucher



Erstes gemeinsames Ziel war eine Schule für die Kinder im Dorf. Dabei stießen die Frauen auf massiven Widerstand: mehrmals musste ein Ort für den Unterricht gesucht werden, bis nun endlich ein eigenes kleines Schulhaus errichtet werden konnte.
Den Grundstein dafür haben die Frauen selbst gelegt. Denn monatlich steuert jedes Mitglied zehn Rupien (25 Cent) für die gemeinsame Kasse bei. Preitler: „Es gibt zwar durchaus günstige öffentliche Förderungsprogramme. Doch um sie nutzen zu können, fehlt vielfach das notwendige Geld. Sich dann auch nur 100 Rupien vom gemeinsamen Konto ausborgen zu können, ist schon eine große Hilfe. Denn der Zinswucher ist erdrückend: zehn Prozent im Monat sind normal. Und Geldverleiher schrecken auch vor Versklavung nicht zurück.“
Unterstützt werden die Frauen von Polerhat in ihrem Einsatz für ein besseres Leben vom Sozialzentrum der katholischen Diözese Baruipur (SSDC). Auch das von der Aktion „Familienfasttag“ unterstützte Projekt ist interreligiös organisiert. Im SSDC-Team sind Hindus, Moslems und Christen tätig. Unter den acht Millionen Einwohnern der Region leben gerade einmal 55.000 Katholiken.
Besonders beeindruckt hat Barbara Preitler bei ihrem Besuch in Polerhat aber eines: auch über die Gewalt zwischen Hindus und Moslems wurde gesprochen. Und bereits im April sind über 10.000 Postkarten, von SSDC verteilt, an Indiens Ministerpräsident abgeschickt worden. Darin wird Atal Behari Vajpayee gebeten, sich um eine friedliche Lösung im westindischen Gujarat zu bemühen. „Das ist ein ermutigendes Beispiel, dass vor allem Hindus und Moslems in Indien auch gewaltfrei zusammenleben können.“ Und dabei sind auch die Bengalen ein geteiltes Volk: ein Teil lebt in Indien, der andere in Bangladesch.




Ein Wahnsinn: 12 Millionen Tote

Interview

In Indien und Pakistan lebt ein Fünftel der Weltbevölkerung. Wie beurteilen Sie die Kriegsgefahr?

Wipfel: Die Androhung des Einsatzes von Atomwaffen ist eine Drohgebärde. Aber kommt es an der hochgerüsteten Grenze tatsächlich zum Krieg, dann ist eine Kurzschlussreaktion nicht auszuschließen. Zahlen, die von zwölf Millionen Toten unmittelbar nach dem Angriff ausgehen, machen den Wahnsinn von Atombomben deutlich. Die tatsächlichen Folgen sind aber unvorstellbar.

Worin sehen Sie die Ursachen für diesen Konflikt?

Wipfel: Von Seiten der Politik werden die religiösen Differenzen besonders zwischen Hindus und Moslems sehr geschürt. Wie leicht es zur Eskalation kommen kann, das war in Gujarat zu sehen. Seit Jahren wird daraus politisches Kapital geschlagen. Dass es auch anders geht, zeigen unsere Projektpartnerinnen: Bei entsprechend guten Programmen arbeiten Menschen verschiedener Religionen sehr konstruktiv zusammen.

Kommt es deshalb für die kfbö-Partnerinnen in Indien zu Schwierigkeiten?

Wipfel: Für Wohlhabende oder Vertreter höherer Kasten ist es oft wie eine Bedrohung, wenn sich Frauen verschiedener Religionen zusammentun. Doch das ist oft regional sehr unterschiedlich. Wirkliche Schwierigkeiten hatten wir damit nur nach der Erdbebenhilfe 2001 in Gujarat.




Unvorstellbar

Kommentar

Ein Fünftel der Weltbevölkerung lebt in Indien und Pakistan. Ihr Leben hängt unmittelbar vom Konfliktverlauf in der Himalayaregion ab. Denn bei einem Atomkrieg zwischen den beiden Rivalen wäre – so US-Strategen – unmittelbar nach der Explosion mit zwölf Millionen Toten und sieben Millionen Verletzten zu rechnen. Unberechenbar sind die langfristigen Folgen dieser kurzsichtigen Reaktion. Weder der Mythos von der verletzten Ehre noch das vermeintliche Recht, den Terror zu bekämpfen, könnten jemals die unschuldigen Opfer rechtfertigen. Dass Kriege noch selten Probleme gelöst haben, dafür ist die Geschichte des indischen Subkontinents seit der Unabhängigkeit wohl die beste Lehrmeisterin.
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