Beziehung ist nicht mehr nur Frauensache. Immer mehr Männer suchen Hilfe in Beratungsstellen. In Partnerschaftskrisen reagieren sie aber spät, oft zu spät.
Die selbstständiger gewordenen heutigen Frauen nehmen eine Beziehung, die nur recht und schlecht läuft, nicht mehr als schicksalshaft hin, sondern wollen etwas verändern. Und sie sind bereit für das Glück auch zu in-vestieren. „Die meisten Männer nehmen den Leidensdruck der Frauen aber erst dann ernst, wenn der Zug schon fast oder ganz abgefahren ist“, fasst die Leiterin der Ehe-, Familien- und Lebensberatung der Diözese Linz, Karin Remsing, eine Erfahrung am Beginn des neuen Arbeitsjahres zusammen. In der Beratung wird – auch im Sinn der gemeinsamen Kinder – nachgeschaut, wieviel Kraft für die Beziehung beim Paar noch vorhanden ist und ob unter allen Vorwürfen und gegenseitigen Verletzungen noch Glut unter der Asche vorhanden ist. Scheidung macht nämlich sehr oft nicht glücklicher. Viele bedenken die Konsequenzen einer Trennung zu wenig. „Häufig kommt die Reue vor allem bei einem übereilten Auseinandergehen, wenn es zu spät ist!“, hat die Beraterin schon oft erlebt. Schuld daran, dass es so weit kommt, ist oft fehlende Beziehungskultur und eine Orientierungslosigkeit, wie Partnerschaft lebbar ist. Viele verlieren sich im Stress des Alltags und der beruflichen Anforderungen leicht aus den Augen und entwickeln sich auseinander. Karin Remsing: „Vorbeugend wirkt, dass sich die Eheleute gemeinsame Zeiten zugestehen, auch wenn man sich diese manchmal ,stehlen’ muss, denn die Gemeinsamkeiten brauchen Pflege. Wenn die Eltern ,miteinander können’, geht es auch den Kindern gut.“ Sollte es dennoch zu einer Trennung kommen, dann heißt es für die Berater/innen zu helfen versöhnlich auseinander zu gehen, auch in Zukunft gute Eltern zu bleiben und den Blick nach vorne zu richten. In diesem Zusammenhang tauchen vermehrt Probleme mit neu zusammengesetzten Familienformen in der Beratung auf. Öfter als früher, ehrlicher und offener wird heute das Thema Sexualität angesprochen, das in Partnerschaftskonflikten eine große Rolle spielt. Auch Homosexualität ist immer öfter Thema in der Beratung, wobei sich Eltern und Geschwister häufig Sorgen um ein homosexuelles Familienmitglied machen. Oft geht es darum: „Wie sagen wir es dem Papa?“ Die Erfahrung zeigt, dass Mütter Homosexualität eines Kindes eher akzeptieren können als Väter. Eine neue Entwicklung: Vermehrt brechen sowohl Familienmütter und -väter wegen Homo-sexualität aus ihrer Beziehung aus. Ein weiterer Schwerpunkt: Heranwachsende Kinder, die „keinen Biss“ aufs Leben haben, lassen verzweifelte Eltern den Weg in eine Beratung suchen. Und immer mehr Singles – oft unfreiwillig allein – leiden unter Sinnkrisen sowie Einsamkeit und suchen Zuspruch.
Zum Thema
- Die Inanspruchnahme kirchlicher Lebensberatung hat sich in den letzten 20 Jahren etwa verfünffacht – und dies bei wachsenden Angeboten auch anderer Organisationen. Schon 40 Prozent der Klient/innen sind Männer – gegenüber etwa 20 Prozent zu Beginn. - In Beratungssituationen zeigt sich oft, dass Frauen und Männer ganz anders empfinden. So kann ein Mann mit der Frage „Was spüren Sie?“, die Frauen meist sehr zum Reden ermutigt, kaum etwas anfangen. Klar reagieren Männer dagegen auf die sachliche Fragestellung: „Was denken Sie darüber?“ Auch alte Verhaltensmuster spielen eine große Rolle in der Beratung: Weinende Männer schämen sich ihrer Tränen. Dabei ist es oft gerade diese Verletzlichkeit und nie gekannte Offenheit, die Frauen bewegt und rührt und nicht selten etwas zum Positiven bewegen kann.
Kontakttelefon in einer Lebenskrise: Ehe-, Familien- und Lebensberatung der Diözese Linz: Tel. 0732/77 36 76. Speziell für junge Eltern bietet die Abteilung Ehe und Familie der Diözese in Zusammenarbeit mit dem Familienreferat des Landes OÖ die Seminarreihe „Beziehungspflege trotz Babypflege“ an. Die Veranstaltung unter dem Motto „Zeit für uns“ findet im Haus der Frau in Linz statt (5. Oktober, 9. November, 19. Jänner). Anmeldung: Abteilung Ehe und Familie der Diözese Linz, Tel. 0732/76 10-3511 oder E-Mail: ehe.familie@dioezese-linz.at.