Der Blick auf das Kreuz soll dem Raum im Leben geben, der dieses Kreuz getragen hat.
Eine Kinderlähmung hatte sie in jungen Jahren. Ihr Leben lang hat sie mit den Folgen der Krankheit gekämpft, war sogar verheiratet. Ein Tochter kam. Doch der Mann ist seit Jahren tot. Die heute zehnjährige Tochter kümmert sich um den Haushalt, so gut es geht. J. selbst kommt kaum mehr aus dem Haus in der Nähe der Stadt Minsk in Weißrussland. Küche, Wohnzimmer, Bett. Alles in einem Raum. Und über der Schlafstatt hängen die Erinnerungen. Zwei Bilder aus glücklichen Tagen. Einmal J. selbst, daneben, ein kleines Bild, ihr Mann. Blickt J. auf das Bild, so denkt sie nicht an das Bild selbst. Ihr Mann lebt dann in ihrer Erinnerung. Mit ihm teilt sie die Einsamkeit des Tages. In vielen Wohnungen hängt ein Kreuz. Die Menschen, die auf dieses Kreuz blicken, sollen an Christus erinnert werden. Am 14. September feiert die Kirche das Fest der Kreuzerhöhung. Es geht zurück auf den 14. September des Jahres 320, als Kaiserin Helena in Jerusalem das Kreuz Christi aufgefunden haben soll. Sie ließ daraufhin die Auferstehungs- und Martyriumskirche auf dem Hügel von Golgotha in Jerusalem errichten. Am 13. September des Jahres 335 wurde sie geweiht. Jeweils am Tag nach dem Kirchweihfest, also am 14. September, wurde die aufgefundene Kreuzesreliquie dem Volk gezeigt und zur Verehrung dargeboten. Darauf geht der Name „Kreuzerhöhung“ zurück. Nicht das Kreuz selbst, nicht die Reliquie also, ist Gegenstand der Verehrung. Die Reliquie verweist vielmehr auf den, der dieses Kreuz getragen hat, auf Christus. Demjenigen, der jetzt nicht mehr unmittelbar greifbar ist, Raum im Leben zu geben, das ist der Sinn eines Erinnerungszeichens. J. gibt mit dem Bild des verstorbenen Mannes diesem selbst Raum in ihrem Leben.Wer ein Kreuz in den Blick nimmt, lässt seinen Alltag durchkreuzen von Jesus. Ein Anblick, der niemals selbstverständlich sein soll. Vielleicht sollte man mit dem „Gebrauch“ des Kreuzes ein wenig zurückhaltender sein. Es ist nicht einfach nur Schmuckstück. Die Betroffenheit in der jungen Kirche Roms muss groß gewesen sein, als man das Kreuz auf Golgotha fand. Die Zeit der Verfolgung war noch in Erinnerung und man war sich bewusst – wie es in einer der Lesungen an diesem Tag heißt: „vom Baum des Kreuzes erstand das Leben“.