Exklusiv-Interview: In der Kirche brauchen wir Kopf und Herz
Am 15. September feiert Kardinal König sein goldenes Bischofsjubiläum
Ausgabe: 2002/37, Kirche, Herz, Kardinal, König, September, Bischofsjubiläum;
11.09.2002
Im Exklusiv-Interview für die Kirchenzeitungen antwortet Kardinal Franz König auf aktuelle Fragen.
Sie kommen gerade vom Urlaub auf einer Alm. Was bedeutet diese unmittelbare Erfahrung der Natur für Ihren Glauben?
König: Die Berge waren für mich von Jugend an eine große Liebe. In der Natur erlebt man eine Ahnung davon, wie Gott die Schöpfung wollte. Das ist eine Voraussetzung für religiöse Fragestellungen: Wer ist Gott, der uns in Jesus Christus so nahe gekommen ist? Der Urlaub auf der Alm war für mich so auch ein erfrischendes geistiges Erlebnis.
Womit würden Sie beginnen, würden Sie heute zum Bischof geweiht?
König: Genau so wie damals – mit vielen Besuchen in den Pfarrgemeinden. Dort ist „die Kirche“. In der Kirche brauchen wir „Kopf“ und „Herz“. Wenn nur der „Kopf“ im Vordergrund steht, kommt es zur religiösen Erstarrung. Es geht um ein ausgewogenes Verhältnis von „Kopf“ und „Herz“, dann ist Leben da. Dieses Leben zeigt sich vor allem in lebendigen Pfarrgemeinden.
Für Jugendliche wird das Wort „Kirche“ immer mehr ein Fremdwort. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
König: Gott sei Dank besuchen bei uns die meisten Kinder und Jugendlichen den Religionsunterricht. Aber dann gibt es eine große Lücke bis zur Familiengründung. Gerade dieser Lebensabschnitt ist sehr wichtig für die Herausbildung der inneren Einstellung: Die Eindrücke des Religionsunterrichts verblassen; die Moden und gängigen Schlagworte werden begierig aufgenommen. Ich sage den jungen Leuten immer: „Glaube, Kirche ist Freiheit“, Freiheit von der Versklavung an Triebe und Zeitgeist-Strömungen. Misstraut den Schlagworten, die euch vorgaukeln, dass „Tu-was-du- willst“ Freiheit bedeutet.
Sie haben die Kirche einmal Gewissen der Gesellschaft genannt. Wird sie diesem Auftrag in Österreich heute gerecht?
König: Wir müssen die Dinge realistisch sehen. Aus verschiedenen Gründen ist die Zahl der Christen in unserem Land zurückgegangen. Früher konnte man als Bischof der Meinung sein, praktisch zum ganzen Staatsvolk zu sprechen, wenn man sich an die Christen wandte. Heute müssen wir demütiger sein. Auf die Kirche hört nicht mehr das ganze Land. Das bedeutet nicht, dass die Christen darauf verzichten sollen, „Salz der Erde“ zu sein. Im Gegenteil. Ich denke immer an die Anfänge des Christentums. Kleine Gemeinschaften überzeugter Christen waren imstande, die Gesellschaft und ihre Wertvorstellungen im Sinn des Evangeliums völlig zu verändern.
Sie haben viele mutige Akzente gesetzt. Wozu bräuchte Ihrer Meinung nach heute die Kirche Courage?
König: Meine Basis ist das Zweite Vatikanische Konzil, dessen Impulse wir noch lange nicht ausgeschöpft haben. Ich denke vor allem an die Betonung der Laien in der Kirche, an das ökumenische Gespräch mit den anderen christlichen Kirchen, an den interreligiösen Dialog, an die Religionsfreiheit. Die Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra Aetate“ ist eines der kürzesten, aber auch wichtigsten Dokumente des Konzils. Zugleich ist es voll wertvoller Anregungen für den Weg der Kirche im 21. Jahrhundert. „Nostra Aetate“ hat das Verhältnis der Kirche zu den Juden, unseren „älteren Brüdern“, von den jahrhundertelangen Belastungen befreit; es hat auch den Weg frei gemacht für das unbefangene Gespräch mit den anderen Religionen, in denen die Kirche „die Samenkörner des ewigen Wortes“ entdeckt.
Eines Ihrer großen Themen ist der Dialog mit der Orthodoxie. Wie beurteilen Sie die Beziehungen zwischen Rom und Moskau?
König: Die Geschichte hat Katholiken und Orthodoxe getrennt; diese Trennung müssen wir überwinden. Wir dürfen nicht zulassen, dass neuerlich politische Entwicklungen einen Keil zwischen Christen treiben, die im Glauben weitgehend eins sind.Die anzustrebende Einheit hat nichts mit Uniformität zu tun. Manche meinen vielleicht, dass alles zugrunde geht, wenn Einheit nicht Einheitlichkeit bedeutet. Es geht aber um „Einheit in der Vielfalt“. Dieses Prinzip war für die ungeteilte Christenheit ausschlaggebend. Auf dieses Prinzip müssen wir uns wieder besinnen, das gilt auch für die Beziehungen zwischen Rom und Moskau.
Sie ermutigen immer wieder zum Dialog mit dem Islam. Wie beurteilen Sie die weitere Entwicklung des Verhältnisses von Christen und Muslimen?
König: Es hat erste Schritte im christlich-islamischen Dialog gegeben. Die Identität von Religion und Staat im islamischen Denken ist ein großes Problem. Darüberhinaus sehe ich aus meiner Kenntnis im islamischen Raum drei Richtungen: Da sind jene, die sagen: Mohammed ist das „Siegel der Propheten“. Wir anerkennen Moses und Jesus als wichtige Propheten, aber mit Mohammed ist sozusagen die Fülle der Erkenntnis gekommen. Die Anhänger dieser Richtung haben naturgemäss wenig Interesse an einem Dialog von gleich zu gleich mit Christen. Eine zweite Richtung erkennt, dass in der zunehmend einswerdenden Welt Dialog zwischen den Religionen notwendig ist. Aber sie sind skeptisch vor allem im Hinblick auf die historisch-politischen Rahmenbedingungen des Dialogs. Eine dritte Gruppe schließlich – die derzeit noch sehr klein ist – zieht aus der Analyse der Weltsituation eine andere Konsequenz: Wir sitzen in einem Boot, wir können gemeinsam untergehen oder gemeinsam überleben. Ich hoffe, dass diese Strömung in Zukunft im islamischen Bereich deutlicher sichtbar wird.