Nicht nur die Arbeit, auch den Geist des Ordens weiterführen
Barmherzige Schwestern beziehen Mitarbeiter in ihre Spiritualität ein
Ausgabe: 2002/38, Barmherzige Schwestern, Orden, Vinzenz von Paul, Kreinecker
17.09.2002
- Josef Wallner
Sr. Cordula Kreinecker ist die „Wertemanagerin“ der Barmherzigen Schwestern. Die Bezeichnung klingt vielsagend, was konkret dahintersteckt erklärt sie im KIZ-Gespräch.
Die Barmherzigen Schwestern beschäftigen in Oberösterreich allein in ihren Krankenhäusern in Linz und Ried an die 2.300 Personen. Dazu kommen die Volks- und Hauptschule in Steyr.
Dass in den Einrichtungen der Barmherzigen Schwestern auch Personal wie Ärzte, Krankenschwestern Verantwortung tragen ist nicht neu, etwas Besonderes ist nun der nächste Schritt. „In wirtschaftlicher wie in medizinischer Hinsicht haben wir die Krankenhäuser schon seit längerem in die Mitverantwortung von Laien übergeben. Nun vertrauen wir ihnen auch den Geist an, in dem die Krankenhäuser gegründet wurden“, so Sr. Cordula.
Eine Wertekultur entwickeln
Damit dieser Prozess gelingt, gibt es sie, die Wertemanagerin: „Am Beginn habe ich mich gegen die Bezeichnung gewehrt, aber der Begriff wird mir immer sympathischer. Man muss Werte in eine Struktur bringen, damit sie gemeinsam gelebt werden können.“ In einem längeren Prozess haben die Schwestern ihre Werte in ein prägnantes Programm gegossen: Basis ist das Evangelium, auf dem Verhaltensweisen aufbauen, die Sr. Cordula als typisch „Vinzentinisch“ bezeichnet und die sich auf den heiligen Vinzenz von Paul (siehe Randspalte) beziehen, in dessen Geist die Barmherzigen Schwestern leben. Eckpfeiler ihres Selbstverständnisses sind die „Barmherzige Liebe, Hochachtung und Herzlichkeit, Wahrhaftigkeit sowie soziale und ökonomische Verantwortung“.
Diese Werte sind nicht einfach zu vermitteln, vor allem der Begriff „Barmherzige Liebe“ wird oft als verstaubt belächelt. Was Sr. Cordula natürlich anders sieht: „Von der Wortwurzel bedeutet Barmherzigkeit jemanden bergen und achtsam mit ihm umgehen. Barmherzig sein meint das Leben schützen. Das ist heute notwendiger und aktueller denn je.“
Vinzenz für „Kirchenferne“
Auch wenn sich ihre Arbeit nicht in Zahlen messen lässt, macht die Wertemanagerin die Erfahrung, dass die Mitarbeiter/innen in den Ordenseinrichtungen die Wertearbeit positiv aufnehmen. „Manche sagen: Das gibt meiner Arbeit Sinn“, so Sr. Cordula, die als gelernte Krankenschwester aber sofort klar stellt: „Eine Krankenschwester muss in jedem Spital gleich professionell arbeiten, das darf gar nicht anders sein. Der Unterschied besteht aber darin, dass wir gemeinsam die christlichen Werte leben wollen.“ Beeindruckend ist für Sr. Cordula auch die Erfahrung, dass Mitarbeiter/innen, die nicht (mehr) zur Kirche gehören, den Geist des heiligen Vinzenz mittragen: „Sie sagen mir oft, dass hier ist das Richtige für mich. Ich bin erstaunt, wie offen diese Mitarbeiter sind.“
MEDITATION
Vinzenz von Paul
Der heilige Vinzenz von Paul (1572 - 1660) gilt als Gründer der organisierten Caritas und Erneuerer der Seelsorge im Frankreich des 17. Jahrhunderts. Die Kongregtation der Barmherzigen Schwestern mit dem Mutterhaus in Wien (Gumpendorferstraße) ist eine von weltweit mehreren Gemeinschaften, die im Geist des Vinzenz von Paul lebt.(In Oberösterreich leben 114 „Barmherzige Schwestern“.)
Der „Vinzenzexperte“ Wim Raes referierte – im Rahmen des Wertemanagements – vor den Mitarbeitern /innen der Barmherzigen Schwestern über die „Vinzentinische Spiritualität für Laien“. Einige Passagen aus dem Referat:
Die Nächstenliebe ist eine Tugend, man darf sie aber nicht übertreiben. Vinzenz macht auf das „Burn out-Syndrom“ aufmerksam. Er warnt Schwestern: „Vorsicht, dass sie nicht zu viel tun. Es ist eine List des Teufels, mehr zu tun, als wir können.“ Vinzenz gibt auch seinen Mitbrüdern die Anweisung, einen Ruhetag in der Woche einzuhalten. Das wurde im Orden dann der Samstag.
Revolutionär und nicht unwidersprochen war die Position von Vinzenz zur Stellung der Frauen. Er klagt, dass sie seit 800 Jahren kein Dienstrecht mehr in der Kirche hätten. Es sei unbedingt notwendig, das Gebot des Paulus aufzuheben, dass die Frauen in der Versammlung zu schweigen haben.