Das jährliche Erntedankfest ist ein kleines Symbol: Christen gehen auf eine große Ernte des Lebens überhaupt zu.
So richtig hungrig! Wer kennt schon dieses Gefühl? Der Hunger ist nicht schlimm, wenn man sich der Sättigung sicher sein kann. In mitteleuropäischen Breiten ist der Hunger den meisten Menschen kein wirkliches Problem. Da geht es nur um die Qualität des Essens und nicht, ob der Hunger überhaupt gestillt werden kann. Dabei ist es nur wenige Jahrzehnte her, dass Hungerkatastrophen durch Europa gezogen sind. Der Nachkriegshunger zum Beispiel. Das größere Problem scheint vielen Menschen die Übersättigung zu sein. Im Grunde immer satt zu sein, schlägt auf den Appetit – auch auf den Appetit auf Leben überhaupt. Es ist September und die letzten Früchte der Ernte werden eingebracht. Für Menschen, die ohnehin zu jeder Zeit des Jahres alles zur Verfügung haben, mag es kein Grund für besondere Aufmerksamkeit sein. Es gab Zeiten, da bangten Menschen der Ernte entgegen. Und es gibt Gegenden auf der Welt, da tun sie es auch heute. Es ist nicht selbstverständlich, dass man ernten wird.Hunger und Sattheit, dieser Rhythmus spielt sich dann nicht im routinemäßigen Wechsel oder nach ärztlicher Empfehlung ab. In beständigem Ringen versuchten Menschen, dass die Spanne dazwischen nicht zu groß würde. Auch Glaube ist dieser Spannung zwischen Hunger und Sattheit ausgesetzt. Menschen erleben den Hunger nach Sinn – und man kann sich nicht einfach aus einem Vorratsschrank bedienen, in dem Sinnantworten vakuumverpackt gekühlt bereit liegen.Menschen erleben aber auch die Zeit der Fülle. Es ist dann wie eine Ernte, die herangewachsen ist und die sie einbringen können. Was klein und unscheinbar begonnen hat, ist gewachsen und reif geworden. Jetzt ist die Zeit der Fülle gekommen – und es liegt immer ein Moment der Überraschung, der Dankbarkeit darin. Es gibt die Zeit des Mangels und es gibt die Zeit der Fülle. Im Rhythmus des Reifens der Früchte lässt sich ahnen und begreifen, was Gott mit dem Menschen insgesamt vorhat. Christen wissen um die Zusage, dass sie trotz aller Mangelerfahrungen in ihrem Leben einer Zeit ungeahnter Fülle entgegengehen.