(Lesen Sie doch bitte zuerst das Evangelium!) . . .
Der Herr Erzbischof der größten Hafenstadt Ecuadors sitzt in einem wunderschönen Palast mit angenehmem Klima und schönen Gartenanlagen; wenige Kilometer entfernt schmoren seine geliebten Gläubigen im brodelnden und stinkenden Elendsviertel „Guasmo“. Der Gegensatz könnte nicht massiver sein. Hat da jemand salbungsvoll „Ja, Herr!“ gesagt und dann als guter Hirte kläglich versagt??
Peinlich, das mit dem Erzbischof.
Peinlicher, wie schnell ich mich aus dem Staub gemacht habe! Denn: Habe nicht ich „Ja!“ gesagt zu Jesu Doppelgebot? Und schon wieder sitzt ein Hieb auf „den da oben“ oder die Nachbarin. Ich habe versagt. Hand aufs Herz: An welche Person haben Sie beim Lesen des Evangeliums gedacht? So leicht bin ich in der falschen Spur. Verständlich also, dass Matthäus die ursprünglich auf die „Hohenpriester und Ältesten“ gerichtete Spitze umbog und sie der Gemeinde ins Stammbuch schrieb! Wir sind es also, die gemeint sind; Leute also, die die Kirchenzeitung lesen und sonntags in die Kirche gehen. Wir merken manchmal nicht einmal, dass wir jenem Sohn gleichen, der „Ja, Herr“ sagt, dann aber nicht in den Weinberg geht.
Sind wir das Lügen schon gewohnt?
Ja, leider haben wir uns ziemlich daran gewöhnt, dass bei uns Wort und Tat kräftig auseinander fallen. In unseren Gottesdiensten schwelgen wir sogar, überspitzt gesagt, in ungedeckten Worten! Das beginnt schon beim Schuldbekenntnis: „Ich bekenne Gott, dem Allmächtigen, und allen Brüdern und Schwestern, dass ich viel gesündigt habe in Gedanken, Worten und Werken . . .“. – Stehe ich wirklich zu meinem Versagen? Bitte ich die „Brüder und Schwestern“ echt um Entschuldigung? „Erhebet die Herzen!“ So werden wir zum großen Dank aufgefordert – und wir bekräftigen ohne rot zu werden: „Wir haben sie beim Herrn!“ Warum lacht da niemand laut heraus? Weil es stimmt oder weil man sich nichts gedacht hat?
Verkneifen Sie sich doch kommenden Sonntag die eine oder andere leere, fromme Behauptung, sprich Lüge. Es ist wichtig, uns bei den Jein-, bei den Ja-aber- und bei Ja-gerne-Lügen zu ertappen. Wahrhaftigkeit ist ein erster Schritt. Und dann gibt es Hoffnung, dass es uns wie dem anderen Sohn gehen wird: „Später aber tat es ihm Leid, und er ging doch.“