Dem Theologen Stefan Moritz ist Recht zu geben, dass im öffentlichen Gedächtnis die Geschichte des katholischen Widerstandes oft gleichgesetzt wird mit der Geschichte der Kirche im Dritten Reich. Für die Geschichtswissenschaft trifft dies nicht zu: Sie hat die Position der Kirche in der NS-Zeit schon länger als „außerordentlich ambivalent“ eingestuft. Moritz hat für sein Buch viel erschütterndes Material zusammengetragen, das unbequeme Fragen aufwirft. Aber seine Darstellung bringt die Quellen oft ohne entsprechende Darstellung des Zusammenhangs, wie z. B. der Situation der Bischöfe im Kirchenkampf, und seine Wertungen fallen daher oft leichtfertig pauschalisierend und überzogen aus. Moritz zeigt wie viele Historiker das Schweigen kirchlicher Würdenträger zu NS-Verbrechen auf. Dieses Schweigen aber unter anderem pauschal als „heimliche Anerkennung“ (S. 87) zu interpretieren, ist vollkommen unseriös. Zu Recht weist der Autor auf die Wirkung des kirchlichen Antikommunismus, des christlichen Antijudaismus und die Rolle der Kirche als Stabilitätsfaktor der NS-Herrschaft hin, die aus einem falschen Verständnis des Römerbriefs (Kap. 13) resultierte. Das haben Historiker auch schon vor seinem Buch getan, aber kaum die schwierige Situation der Kirche und den Widerstandsaspekt dermaßen unterbewertet wie Moritz. Ein methodisch reflektierteres Vorgehen und eine ausgewogenere Darstellung hätte dem Buch geholfen, ein ernst zu nehmender Beitrag zur kirchlichen Zeitgeschichte zu werden.
Stefan Moritz: Grüß Gott und Heil Hitler. Katholische Kirche und Nationalsozialismus in Österreich. Picus, Wien. 318 S., E 24,90.