Kranke brauchen Klarheit, damit sie ihr Leben klären können. Die Caritas knüpft ein Netz zur Begleitung Sterbender.
Würde überall in Europa das holländische Sterbehilfe-Gesetz gelten, so würden jährlich 200.000 Menschen mit ärztlicher „Sterbehilfe“ aus dem Leben gehen. 50.000 von ihnen würden gar nicht gefragt werden, ob sie das wollen! „So etwas hatten wir schon in Europa“, erinnert der bekannte norwegische Mediziner Stein Husebø an ein dunkles Kapitel europäischer Geschichte. Sein Appell: Aufklären über die letzte Phase des Lebens. Ärzte, Patienten, aber ebenso das ganze Umfeld unheilbar Kranker müssen besser Bescheid wissen über das, was geschieht, wenn ein Mensch stirbt. Denn: „Ich habe viele getroffen, die um Sterbehilfe gebeten haben, erzählt Stein Husebø, „aber wenige, die es wirklich so gemeint haben.“ Die Erfahrung des Arztes: „Je kränker ein Mensch wird, desto weniger redet er von aktiver Sterbehilfe.“ Seit 1. Juli gelten in Österreich die neuen Bestimmungen zur Karenz für die Pflege schwer Kranker oder Sterbender. In Linz trafen sich am 25. September die Mitarbeiter/-innen der Caritas Hospizteams für die Betreuung Sterbender und ihrer Angehörigen. Es zeigt sich immer deutlicher: Nicht nur die Patienten selbst brauchen Hilfe. Auch die Angehörigen sind in einer Ausnahmesituation, in der sie nicht allein gelassen werden dürfen. Im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz hat Dr. Hans Zoidl täglich mit der Situation zu tun. Er leitet die Palliativstation im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz. Menschen mit starken, schwer beherrschbaren Schmerzen oder anderen Symptomen wie Atemnot werden hier betreut. Die Erfahrung des Arztes: In dieser Situation kommt es nicht nur auf die richtige Medizin an. Selbst die betreuenden Ärzte brauchen oft Ermutigung. Wenn Menschen nur vertröstet oder mit aussichtslosen Therapien weiterversorgt werden, nimmt man ihnen etwas von der kostbarsten Zeit ihres Lebens. Die behutsam ausgesprochene Wahrheit kann für die Kranken und für die Angehörigen befreiend wirken. Wenn Klarheit da ist, finden Menschen in vielen Fällen noch die Kraft, zu regeln, was ihnen wichtig ist. Angehörige, die sich in dieser Offenheit von einem Menschen verabschieden konnten, erfahren das oft als die dichteste Zeit ihres Lebens. Viele können in dieser Offenheit auch über ihren Glauben neu reden. „Die Spiritualität ist bei vielen Menschen am Ende ihres Lebens ganz dicht da“, weiß Dr. Zoidl. Man soll, betont er, den liebsten Menschen diese Chance eröffnen, den Abschiedsprozess wirklich durchzuleben. Das neue Karenz-Gesetz zur Pflege schwer kranker oder sterbender Angehöriger gibt Menschen nun tatsächlich besser als bisher die Chance, ihre Angehörigen nicht allein zu lassen.
Über den Schmerz
Wörtlich
„Das Entscheidende ist, auf die Angaben des Patienten zu hören. Es nützt nichts, zwischen physischem Schmerz und psychischem Schmerz oder organischem und funktionellem Schmerz zu unterscheiden. ... Ein Mensch empfindet Schmerzen. Dieser Mensch darf nicht in einzelne Bereiche aufgeteilt werden. Ein Mensch hat das Recht, als ein ganzes, ein unersetzbares, existierendes menschliches Individuum gesehen zu werden. Schmerzen entstehen im Körper und in der Seele. ... Der Zusammenhang zwischen der sozialen Situation des Patienten und dem Ausmaß, in dem er unter Schmerzen leidet, ist beträchtlich ... Eine bekannte und vertraute Umgebung ist günstiger als ein unbekanntes Krankenhaus, Angehörige sind besser als fremdes Krankenhauspersonal, Kindern geht es am besten auf dem Schoß der Mutter.“ Aus: Stein Husebø, Was bei Schmerzen hilft, Verlag Herder.