Von Wilhering bis Reichersberg: Stifte und ihre Kunstsammlungen (4)
Ausgabe: 2002/41, Mönche, Stifte, Kunstsammlung;
08.10.2002
Die Entdeckungsreise der KIZ führt zum Abschluss der vierteiligen Reihe „Was Mönche sammeln“ nach Wilhering, Engelszell, Lambach, Schlierbach und Reichersberg.
Nur wenige Kilometer von Linz entfernt ragt der Turm des Stiftes Wilhering empor. Von der Strenge zisterziensischer Architektur ist hier nicht viel zu merken, ebenso nicht vom Armutsideal des Heiligen Bernhard. Nach der Brandkatastrophe von 1733 setzte hier die Baulust des Barock ein. Der Linzer Baumeister Johann Haslinger schuf zusammen mit Andreas Altomonte einen prunkvollen Bau. In Stift Wilhering wird sichtbar, welche Funktion Malerei und Plastik im Barock häufig innehatten. Sie galten als Beigaben zur Innenaustattung des Raumes. Eine bedeutende Sammlung im Sinne von Einzelobjekten erhielt Stift Wilhering erst im 20. Jahrhundert mit den Werken des Linzer Künstlers Fritz Fröhlich. Der Name steht hier für ein ganzes Programm. „Denn Wilhering heißt auf lateinisch „hilaria“, was soviel bedeutet wie ‚die Heitere‘ die Fröhliche’“, so Abt Gottfried Hemmelmayr. Fritz Fröhlich hat seine Spuren jedoch nicht nur in Wilhering hinterlassen. Zu seinen bedeutendsten Werken gehört die Deckenausmalung der Stiftskirche von Engelhartszell. Stift Engelszell ist heute das einzige Trappistenkloster in Österreich. Die asketische Ausrichtung der „Brüder von der strengen Observanz“ ist auch dafür verantwortlich, dass sich hier nur wenig an Kunstschätzen versammelte. Ausnahme bildet hier allein die Stiftskirche, deren äußere Schlichtheit kaum erahnen lässt, was sich im Inneren verbirgt.
Eine ganz andere Geschichte durchlebte das Benediktinerstift Lambach. Bekannt als Ort an dem vor allem zur Zeit Napoleons Kirche und Weltpolitik zusammentrafen, steht Lambach im Besonderen für die Tradition humanistischer Bildung. Die Bildende Kunst ist hier in erster Linie mit dem Namen eines der wichtigsten Kupferstecher und Schüler des Kremser Schmids, Koloman Felner, verbunden. Auf ihn geht auch die Gründung der Kupferstichsammlung und der Gemäldegalerie zurück. Neben Werken Felners sind vor allem die Altarbilder von Joachim von Sandrart Anziehungspunkt. Besonders sehenswert ist die „Verherrlichung des Rosenkranzes“, die in der Stiftskirche zu bewundern ist. Lambach beherbergt zudem mit den romanischen Malereien im ehemaligen Westchor der Kirche eine der bedeutendsten Kunstschöpfungen aus dem Ende des 11. Jahrhunderts.
„Schlierbacher Madonna“ im ehemaligen Frauenkloster
Das 1355 als Frauenkloster gegründete Stift Schlierbach wurde erst 1620 als Männerkloster neu besiedelt. Die Patres zogen in ein 64 Jahre hindurch verwaistes Gemäuer mit kahlen Räumen. Kloster und Kirche mussten neu aufgebaut werden. Verantwortlich für den Bau und dessen Ausstattung zeichnete die Künstler- und Architektenfamilie Carlone. Eine Rarität besonderen Ranges ist der Schlierbacher Kreuzgang. In Stuckrahmen gefasst finden sich Darstellungen bedeutender Marien-Gnadenbilder. Eine Nische im nördlichen Kreuzgang beherbergt die mit 1320 datierte „Schlierbacher Madonna“. Das Augustiner-Chorherrenstift Reichersberg hat eine aufregende Zeit hinter sich. Die Neuzuschreibung des lange in Reichersberg gehüteten Gemäldes „Der Kindermord von Bethlehem“ oder auch „Massaker der Unschuldigen“ als Original aus der Werkstätte von Peter Paul Rubens (1577-1640) war die Kunstsensation des Sommers und hat die Frage nach dem Umgang der Klöster mit ihren Kunstschätzen aufgeworfen. Weiß man in den geistlichen Zentren überhaupt über den Wert der Kunstschätze Bescheid? Man weiß es. Zumindest in den großen Abteien arbeiten Spezialisten eng mit Restaurator/innen und Denkmalpfleger/innen an den Exponaten der Kunstsammlungen.
Verena Konrad
Tipp: Gotische Glasmaleri im Licht der Moderne, Ausstellung im Stift Schlierbach bis 27. Oktober 2002.
Frauenklöster ohne Kunst?
Kommentar
Die Reihe „Was Mönche sammeln“ hat mich ein wenig stutzig gemacht. Wieso sammeln nur Mönche? Die Antwort liegt in der Geschichte vieler Orden. Viele frühmittelalterlichen Klöster wurden als Doppelklöster gegründet. Die Frauen unterstanden dem Abt des Männerklosters. Nicht nur Kunstsammlungen betreffend ist das Urteil in der Forschung in Bezug Frauenklöster heute ziemlich einhellig. Auch die Bibliotheken der Frauenklöster werden in der Regel als unbedeutend eingestuft. Was Männerklöster oft auf dem Gebiet der Bildung leisten, leisteten Frauenorden in der Seelsorge und in caritativem Wirken. So stand nicht selten die manuelle Tätigkeit der „weibliche Handarbeit“ in Konkurrenz zur „männlichen Schreibtätigkeit“. Der Knoten hat sich bis heute nicht ganz gelöst. Mit Ausnahme einiger privater Mädchenschulen stehen noch immer Männerorden ganz vorne, wenn es um die Vermittlung von Bildung und Kunst geht.