Vom 11. bis 23. Oktober steht Graz ganz im Zeichen des tibetischen Buddhismus. Zum „Kalachakra für den Weltfrieden“ werden 10.000 Teilnehmer erwartet.
Zum insgesamt dritten Mal in Europa wird in den nächsten knapp zwei Wochen der Dalai Lama eine Kalachakra-Ermächtigung durchführen. Das elf Tage dauernde Ritual gilt praktizierenden Buddhisten als Einweihung in das Kalachakra-Tantra, ein kompliziertes Übungssystem des tibetischen Buddhismus. Gleichzeitig ist „Kalachakra für den Weltfrieden“ ein besonderes Ritual, das Frieden und Toleranz fördert. Der buddhistischen Auffassung nach stellt diese Zeremonie einen besonderen Segen für alle Anwesenden sowie für den Ort des Geschehens dar.
Die Hoffnung auf ein „deutliches Zeichen für den Dialog zwischen Menschen aller Glaubensrichtungen und Kulturen“ verbindet Alfred Stingl, Bürgermeister der steirischen Landeshauptstadt, auch mit dem religiösen Großereignis. Und die Universität Graz vergibt ihre höchste Auszeichnung für Personen, die sich für die Vermittlung zwischen Völkern und Religionen einsetzen: dem Dalai Lama verleiht sie am 14. Oktober den Menschenrechtspreis.
Einweihungstage
„Kalachakra-Tantra ist eine besonders anspruchsvolle Form des tibetischen Buddhismus“, erkärt Univ.-Prof. Dr. Helmut Tauscher vom Institut für Tibet- und Buddhismuskunde der Uni Wien. „Die Beschäftigung mit dem Tantra setzt eine persönliche Unterweisung und Erklärung durch den Meister voraus.“ Und so steht das Zuhören im Mittelpunkt der Einweihungstage. „Der Unterweisende beschreibt die Prozesse, die ablaufen, wenn man übt, sich mit einzelnen Gottheiten zu identifizieren“, beschreibt Tauscher die Initiation. Anschließend können die Schülerinnen und Schüler die besondere Meditation in ihrer täglichen Praxis umsetzen.
Sandmandala
Bei der Umsetzung der Gottheiten in Bilder (Visualisation) hilft das Kalachakra-Mandala. In den ersten Tagen streuen Mönche dieses aus buntem Sand. Im Zentrum residieren Buddha Kalachakra und Gefährtin Vishvamata, umgeben von 720 Buddha-Aspekten. Gefragt, worin er den Beitrag für den Weltfrieden sieht, meint der Tibetologe Helmut Tauscher: „Aufgrund der im Tantra gelehrten Identität von Mikro- und Makrokosmos beeinflusst diese Harmonie in jedem Individuum auch die Welt als Ganzes. Insofern kann man sagen, dass die Praxis des Kalachakra-Tantra einen Beitrag zum Weltfrieden darstellt.“
Hintergrund
Buddhismus in Österreich
Seit 1983 ist der Buddhismus in Österreich mit der Bezeichnung „Österreichisch-Buddhistische Religionsgemeinschaft (ÖBR)“ eine staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft. Offiziell gibt es über 16.000 Buddhisten, die etwa 30 verschiedenen Strömungen angehören. Die Zahl der Interessierten wird etwa zehnmal so hoch geschätzt. Tipps: www.oebr.at und www.kalachakra-graz.at
Zur Sache
Am Kalachakra teilnehmen?
Einerseits handelt es sich bei der Kalachakra-Initiation um eine besondere Segenszeremonie zur Förderung von Frieden und Toleranz. Ande-rerseits ist sie die Ermächtigung zu einer speziellen buddhistischen Praxis, dem Kalachakra-Tantra. Die Veranstalter weisen darauf hin, dass Nicht-Buddhisten teilnehmen können. Eine Konvertierung zum Buddhismus oder eine verpflichtende Praxis sei damit nicht verbunden. Was sagen katholische Vertreter?
Nein: Für eine gastfreundliche Begegnung mit den Buddhisten spricht sich der Grazer Diözesanbischof aus. Zugleich lehnt Egon Kapellari eine Religionsvermischung ab. In einem Hirtenbrief zu diesem Anlass gibt er die „klar verneinende Antwort“ darauf, ob „Katholiken eine Einladung zur Teilnahme am Kalachakra-Ritual annehmen sollen“. Er begründet dies mit demkatholischen Verständnis von Symbolen, Sakramenten und Riten: „Es wäre ein Widerspruch zu unserer Glaubenstradition, aber auch eine bloß oberflächliche Wahrnehmung buddhistischer Religiosität, würde ein katholischer Christ ein tibetisches Einweihungsritual mitvollziehen.“
Ja: Ebenfalls mit dem Sakramentenverständnis argumentiert der katholische Theologe Johann Figl. Der Professor für Vergleichende Religionswissenschaft an der Uni Wien verweist auf Papstmessen, wie jüngst in Aserbaidschan. Dort war der Ablauf für nichtkatholische Teilnehmer laufend erklärt worden. „Einerseits ist es durchaus möglich, an der Eucharistie, der wichtigsten Kultfeier der Christen, teilzunehmen, ohne sich völlig mit der betreffenden Religion zu identifizieren, was im Kommunionempfang zum Ausdruck gebracht würde.“