Ich weine oft, ich bete viel und vertraue auf Gott
Saria A. Anderson über ihr Leben mit dem Aids-Krankheitskeim
Ausgabe: 2002/41, Anderson, Gott, AIDS, Hoffnung;
09.10.2002
- Josef Wallner
Am 13. August 2001 stürzte für Saria Amillen Anderson die Welt ein: An diesem Tag erfuhr sie, dass sie HIV-positiv war. Wie ihre 7-jährige Tochter Glorious. Der KIZ erzählt die 34-jährige Agrarexpertin aus Tansania über ihre Ängste und Hoffnungen.
Nicht einmal im Traum hätte die sympathische Saria daran gedacht, dass sie mit Aids infiziert sein könnte. Natürlich war ihre siebenjährige Tochter von klein auf krank: Sie verlor als Säugling immer wieder an Gewicht, bekam Malariaanfälle, hatte Mumps. Aber wo sollte sich die Kleine angesteckt haben? Saria selbst verlangte von ihrem Mann vor der Hochzeit im Jahr 1994 ein Zertifikat, dass er nicht das HI-Virus in sich trug. Wie sich nun herausstellte, war das Papier eine Fälschung. Der eigene Ehemann hat wissentlich seine Gattin infiziert und die Immunschwäche an seine ältere Tochter weitergegeben. Ob die dreijährige Neema auch angesteckt ist, will die Mutter nicht wissen. Sie hätte zur Zeit nicht die Kraft einen weiteren positiven HIV-Befund zu ertragen. Dass die Kleine keine Krankheitssymptome zeigt, lässt der Mutter zumindest einen kleinen Funken Hoffnung. Die Enttäuschung war abgrundtief, als Saria nach dem niederschmetternden Befund im Krankenhaus ihren Mann zur Rede stellte. Er zuckte mit den Schultern und sagte ungerührt: „Du kannst so oder so nicht ewig leben.“ „Ich habe geweint und geweint“, erzählt Saria, „und ich habe zu Gott geschrieen: Warum lässt du das zu? Was soll aus meinen Kindern werden? Was mit meinen Eltern?“ Als Älteste von vier Töchtern fühlt sich Saria auch für ihre alten Eltern und die Geschwister verantwortlich. „Ich wüsste nicht, was ich täte, wenn ich nicht am Glauben Halt finden würde“, bekennt Saria. Und das sind keine leeren Worte. Als Mitglied einer protestantischen Kirche hat die Heilige Schrift einen besonderen Stellenwert in ihrem Leben. Keine Entscheidung, zu der sie nicht die Bibel zu Rate zieht. So schlug sie vor der Hochzeit die Bibel auf, mit der Bitte an Gott, ihr eine Botschaft für das gemeinsame Leben zu schenken. Sie stieß auf die Erzählung von der Auferweckung des Lazarus. Lange Zeit konnte sie damit nichts anfangen. Doch in der Rückschau ist ihr klar, dass die Worte, die Jesus zu seinen Jüngern sagte, ihr gelten: „Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern zur Verherrlichung Got-tes.“ An diesem Satz hängt Saria und mit ihr ihre Kinder: „Dieser Glaube gibt mir Hoffung. Und ich singe viel – auch wenn ich dabei weinen muss.“ Ein Lied ist es, das ihr immer wieder über die Lippen kommt: „Dieser Körper ist für Gott, er hat ihn erschaffen.“ Und mit diesem Bekenntnis verbindet sie die flehentliche Bitte, dass Gott ihren mit dem heimtückischen HI-Virus infizierten Körper auch erhält. Lang ist die Liste der Verse aus der Heiligen Schrift, die ihr Kraft zum Durchhalten geben: „Seit meinem Befund habe ich das Buch Hiob sehr gut kennen gelernt und die Psalmen. Da sind viele Geschichten drinnen, die auch von mir sprechen. Ich denke da nur an den Psalm 91, in dem Gott sagt: Ich bin bei ihnen in ihrer Not. Ich sättige sie mit langem Leben und lasse sie schauen mein Heil.“ In ganz schwierigen Situationen hilft ihr auch ein Buch, das ihr eine Freundin empfohlen hat: „Die Kraft des positiven Denkens“. Neben der Bibel möchte Saria diese Lektüre nicht missen. Und ein Gebetsnetz von Freunden hält sie: Der Pastor ihres Heimatdorfes gehört dazu und eine Schwester, ein Freund fastet für ihre Heilung und eine Freundin richtet sie mit tröstenden E-Mails auf. Wenn Saria auf ihre Zukunft zu sprechen kommt, steigen ihr die Tränen hoch. Die Beziehung mit ihrem Mann ist zerbrochen, die Verantwortung für sich und ihre zwei Kinder lastet ganz allein auf ihr. Seit sie um ihre Krankheit weiß, versucht sie sich ein wenig zu schonen. Was aber leichter gesagt als getan ist. „Ich pass auf mich auf“, sagt sie leise. „Und ich weiß, Gott wird auch das seine tun.“
Wer Saria Amillen Anderson
begegnet, ist fasziniert von ihrer Freundlichkeit, ihrem Charme, ihrem bescheidenen und dennoch kraftvollen Auftreten. Unvorstellbar, dass diese Frau aus Tansania den Krankheitskeim für Aids in sich trägt. Seit einem Jahr weiß sie von ihrer HIV-Infektion und kann sich nun auch erklären, warum sie seit Jahren unaufhaltsam an Körpergewicht verlor. Mit Hilfe von Medikamenten kann sie zur Zeit den Ausbruch von Aids verhindern.
Seit Juli 2000 – ein Jahr bevor sie von ihrer Infektion erfuhr – leitet sie am Viktoria See (Tansania) ein Hilfsprojekt der Aktion „Sei so frei“. Sie berät rund 200 Familien in acht Dörfern am Viktoria-See bei der Verbesserung der Anbaumethoden – mit so großem Erfolg, dass sich weitere 20 Dörfer anschließen wollen.
„Die Katholische Männerbwegung ist für mich und die Menschen in den Dörfern ein Hoffnungsanker“, so Saria. „Sei so frei“-Projektreferent Franz Hehenberger bezeichnet es als „ein Geschenk Gottes mit Saria arbeiten zu dürfen. Nicht sie hat uns zu danken, sondern wir ihr: für das Zeugnis ihres unerschütterlichen Vertrauens auf Gott.“