Leserinnen und Leser dichteten Herbst-Strophen großer Autoren weiter
Ausgabe: 2002/42, Rilke, Leser, Claudius
15.10.2002
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Wir haben vor zwei Wochen unsere Leser/innen auf der letzten Seite eingeladen, ein Herbstgedicht eines berühmten Autors fortzudichten.
Drei Gedicht-Ausschnitte standen zur Wahl – aus Gedichten von Matthias Claudius, Friedrich Hölderlin bzw. Rainer Maria Rilke.
Einige Fortdichtungen lesen Sie hier.
In der Randspalte finden Sie eines der berühmten Gedichte – jenes von Rainer Maria Rilke – in ganzer Länge.
Rilke-Fortdichtung
... Herr: es ist Zeit. Das Jahr sich gebettet in des Schöpfers Schoß ... Lass die Sorgen los.
Herr: es ist Zeit, dass die Seelen der Menschen Ruhe finden Und in Geborgenheit von deiner Liebe künden. Lass die Eile los.
Franziska Schneglberger, St. Florian
... Lass Zeit vergehn. So wie den Nebel und den Frost. Halt still den Finger an den Mund Und zeig uns Einsamkeit zum Trost.
Herr: es ist Zeit. Mein Leben war sehr bunt und weit, lass innehalten mich und sinnen und danken für die Ewigkeit.
Renate Brandstätter, Asten
Claudius-Fortdichtung
Wir pflügen und wir streuen Den Samen auf das Land, Doch Wachstum und Gedeihen Steht in des Himmels Hand . . .
... Wir träumen von der Fülle Bis an der Schale Rand. Dankbar nehmen wir entgegen, Womit du uns beschenkst im reichen Land.
Josefa Barta, Prambachkirchen
... Was nützen tausend Sachen Alles Wissen dieser Welt? Was könnten wir denn machen, Wenn Gottes Segen fehlt?
Nur ein behutsam Schaffen Und Freud an Blüh’n und Werden Und nicht ein gierig Raffen Bringt uns das Glück auf Erden.
Die Herzen nicht verhärten Vor unsres Nächsten Not. Dann könnte Wahrheit werden, Dass alle Menschen Brot . . .
Franziska Neuwirth, Pettenbach
... Ja, du, Gott bist mächtig, Du hältst uns in der Hand, Du gibst uns, was wir brauchen, Du schenkst uns den Verstand.
Du schützt auch unser Leben,Und bannst oft die Gefahr. Wir dürfen dir vertrauen, denn DU bist immer nah.
Monika Maria Windtner, St. Florian
... Die Sonne und den Regen Erwarten wir zur rechten Zeit, Doch kommt’s vom Himmel anders Sind wir voll Traurigkeit . .
Christine Raffetseder, St. Georgen/W.
Nicht als Lyrikerin, sondern als Satirikerin verfasste Mathilde Willburger, Linz, folgende Zeilen:
... Wir werken und wir schuften Mit unsrer ganzen Kraft, Doch Zuwachsraten duften Nur in der Bankerschaft.
Hölderlin-Fortdichtung
... In kurzer Zeit hat vieles sich geendet, Der Landmann, der am Pfluge sich gezeiget. Er sieht, wie das Jahr sich frohem Ende neiget, In solchen Bildern ist des Menschen Tag vollendet. . .
... Die Mühe hat uns reiche Frucht getragen, Wir dürfen jeden Tag das Leben wagen.
Wir danken, dass uns Sonnenschein und Regen Gedeih schenkt mit des Himmels reichem Segen.
Der Herbst streut dürres Laub uns auf die Erde, Auf dass beizeiten Humus daraus werde, Denn es ist alles Streben der Natur Ein Übergang zu neuem Leben nur.
Gertrud Lahnsteiner, Ebensee
Medidation
Herbsttag
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;gib ihnen noch zwei südlichere Tage,dränge sie zur Vollendung hin und jagedie letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,wird wachen, lesen, lange Briefe schreibenund wird in den Alleen hin und herunruhig wandern, wenn die Blätter treiben.