Ein junger Mann hat einmal Kardinal Suenens gefragt, ob er ihm eine christliche Kirche zeigen kann, in der wirklich allen Ernstes das Evangelium gelebt wird. Der Kardinal hat ihm geantwortet: „Ich muss dich leider enttäuschen. Erstens gibt es diese Kirche nicht und zweitens, wenn es sie gäbe, wäre es mit ihrer Vollkommenheit vorbei, sobald du beitrittst!“ Es gibt viel Gejammer über die Kirche: was alles nicht passt, was alles fehlt, was man endlich tun sollte. Wer aber nur klagt, nimmt sich selber viel Kraft. Mir machen einige Zeilen aus der zweiten Lesung des kommenden Sonntags viel Mut.
Drei Männer, denen Christus das Wichtigste des Lebens geworden war, schreiben an eine Pfarrgemeinde einen Brief – es sind Paulus, Silvanus und Timotheus. Sie hatten alle drei in dieser Gemeinde – im heutigen Saloniki – den Menschen Wege zum Glauben gezeigt. Jetzt ist einige Zeit vergangen, sie arbeiten woanders – und schreiben den Menschen, die sie kennen, einen Brief.
Ich kann mir schwer vorstellen, dass in dieser Gemeinde alles fehlerfrei war: alle Mitglieder perfekt, alle fertig und ausgereift in ihrem Glauben, alle höchst aktiv und engagiert und jederzeit voller Liebe zueinander. Es erstaunt mich, was die drei schreiben: „Wir danken Gott für euch alle, sooft wir in unseren Gebeten an euch denken. Unablässig erinnern wir uns an das Werk eures Glaubens, an die Opferbereitschaft eurer Liebe und an die Standhaftigkeit eurer Hoffnung auf Jesus Christus, unseren Herrn . . .“
„Wir danken Gott für euch alle“, schreiben sie. Da wird mit großer Achtung auf alle geschaut: auch auf die Anfänger im Glauben, die Zweifler, die Suchenden und Fragenden, die Kleinen, die Schwachen, alle, die Fehler machen, die erst auf dem Weg sind – Lernende im Glauben und in der Liebe. Offen und deutlich oder versteckt in unzähligen Details wird aber auch allen Ernstes der Glaube und die Liebe gelebt. Da sind Menschen, die unbeirrt jeden Tag neu fragen, was Gott von ihnen will, und es dann tun.
Könnte man diese Zeilen nicht jeder Pfarrgemeinde zusenden? Dürfen nicht die, die zum Gottesdienst versammelt sind, und viele andere diese Zeilen als an sie gerichtet nehmen? Ich möchte mit einem neuen Blick hinschauen auf die Menschen meiner Pfarrgemeinde und auf die vielen, vielen im ganzen Land, die einen Glaubensweg gehen. „Ich danke Gott für euch alle, sooft ich in meinen Gebeten an euch alle denke . . .“
Franz Haidinger, seit neun Jahren Pfarrer in Traunkirchen, ist vielen durch Glaubensseminare, Besinnungstage und Exerzitien bekannt.