Ist jede Obrigkeit von Gott? – Die politische Verantwortung der Christen
Ausgabe: 2002/43, Christen, Staat, Politik, Gott, Bibel, Stolperstein;
23.10.2002
- Heinz Niederleitner
In der Vortragsreihe „Stolpersteine der Bibel“ kam am 14. Oktober in Linz ein heikles Thema zur Sprache: das Verhältnis der Christen zur staatlichen Ordnung. Eine wichtige Fragestellung auch in Hinblick auf die Nationalratswahl.
„Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt“, heißt es im Römerbrief, Kapitel 13. Wer sich gegen sie auflehne, stelle sich gegen die Ordnung Gottes. Für den evangelischen Theologen Prof. Klaus Schacht ist die Stelle nicht nur ein Stolperstein, sondern ein Felsbrocken in der Kirchengeschichte. Als herausragendes Beispiel nennt er das Verhältnis der Kirchen zu den Machthabern im Dritten Reich. Der katholische Theologe Severin Renolder ergänzte mit dem Hinweis auf die Legitimation des mittelalterlichen Kaisertums. Ist also jede Obrigkeit von Gott? „Um Gottes willen, nein!“, lautet Renolders Antwort. Beide Theologen erläuterten in ihren Vorträgen die Zeitgebundenheit des Römerbrief-Zitats und betonten, dass eine direkte Ableitung für das 20. Jahrhundert nicht möglich ist. Schon 50 Jahre nach Paulus brachte die Offenbarung des Johannes im Zeichen der ersten Christenverfolgungen eine scharfe Kritik der Staatsgewalt. Trotzdem wurde noch im 20. Jahrhundert das Zitat aus dem Römerbrief wörtlich verstanden.
Das Gewissen ist wichtig
In den 60er Jahren kam es zu einem Wandel in der Auslegung: Das Gewissen des Einzelnen wurde wichtiger und damit die Frage, ob die Handlungen und Anordnungen der Obrigkeit im Einklang mit der Lehre Jesu Christi stünden. „Jesus identifiziert sich mit den Opfern von Gewalt“, unterstreicht Renoldner. Der Römerbrief zeige die Notwendigkeit sozialer Ordnung. Er enthebt die Christen jedoch nicht von der Aufgabe zu prüfen, ob die Anordnung gerecht ist, Ungerechtigkeit aufzuzeigen und gegebenenfalls Widerstand zu leisten. In demokratischen Gesellschaften bedeutet dies heute, an der politischen Willensbildung, also zum Beispiel an Wahlen, teilzunehmen und bewusst zu wählen. Im Mariazeller Manifest definierte die katholische Kirche in Österreich 1952 ihr Verhältnis zu Staat und Parteien. Nach den Erfahrungen aus dem „christlichen Ständestaat“ und der darauf folgenden NS-Herrschaft war es eine scharfe Absage an jede Art von Totalitarismus und Staatskirchentum und ein klares Bekenntnis zur Demokratie. Das damit verbundene neutrale Verhältnis der Kirche zu allen Parteien wurde leider oft fälschlich als Aufforderung zum Rückzug der einzelnen Christen aus dem politischen Engagement verstanden. Vielmehr sollen sie ein politisches Handeln entwickeln, das dem Glauben entspringt. Auch global gesehen. „Wir tragen Mitverantwortung für die Ausbeutung der Dritten Welt, wenn wir die Strukturen der Ungerechtigkeit nicht durchschauen“, weist Renoldner auf die größere Dimension hin. „Es ist unsere Aufgabe, den Menschen zu helfen.“ Als Christen sollten wir, so Renoldner, die Parteien daraufhin prüfen, wer eine Option für die Armen hat.
Nationalfeiertag
Stichwort
Was feiern wir eigentlich am Nationalfeiertag? So unberechtigt, wie sie scheint, ist die Frage nicht. Hartnäckig hält sich das Gerücht, am 26. Oktober 1955 habe der letzte Besatzungssoldat österreichischen Boden verlassen. Am 25. Oktober 1955 (!) endete die Abzugsfrist für die Besatzer. Damals wurde ein „Tag der österreichischen Fahne“ gefeiert. In einem Erlass an die Schulen fand sich die Formulierung vom „letzten Soldaten“. Schon 1956 wurde der „Tag der österreichischen Fahne“ um einen Tag weiter verlegt, um an den Nationalratsbeschluss zur „immerwährenden Neutralität“ Österreichs vom 26. Oktober des Vorjahres zu erinnern, der die Verpflichtung des Staatsvertrages erfüllte.Aber die Legende vom „letzten fremden Soldaten“, der Österreich am 26. Oktober verlassen haben soll, wurde auch in offiziellen Stellungnahmen weiter gepflegt. Die Erinnerung an den Beschluss der Neutralität trat hinter die Erinnerung an das Ende der Besatzungszeit zurück. Der formelle Beschluss, den 26. Oktober zum österreichischen Nationalfeiertag zu erklären, kam erst 1965 zustande. Und erst 1967 wurde er den anderen Feiertagen mit der Feiertagsruhe gleichgestellt. Als alternative Termine standen damals übrigens der 27. April (Tag der Unabhängigkeitserklärung 1945), der 15. Mai (Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955) und der 12. November (Ausrufung der Republik 1918) zur Debatte.