Kinder brauchen für ihre Entwicklung Vater und Mutter. Das Elternsein hört auch mit dem Ende einer Paarbeziehung nicht einfach auf.
Daniels Vater ist vor zwei Wochen ausgezogen: er hat jeden Tag mit seinem Sohn telefoniert, am Wochenende trifft er den 7-Jährigen zum ersten Mal wieder. „Wie es uns dann wohl gehen wird?“, denken Vater und Sohn. Beide sind traurig, auch die Mutter leidet und hofft, dass die Vater-Sohn-Beziehung durch die Trennung nicht abreißt. Mann und Frau wollen es als Vater und Mutter gut machen. Oft lassen sie die eigenen Kränkungen das Trauma der Kinder übersehen, das durch die Entbehrung der Väter ausgelöst wird.
Fehlende Vorbilder
Der Kinder- und Jugendpsychiater Horst Petri fordert Mütter und Väter auf, einen neuen, anerkennenden Blick auf die Rolle der Väter zu werfen. Die Entbehrung des Vaters – durch Tod oder Scheidung – verursache bei Kindern ein Gefühlschaos mit weitreichenden Folgen: „Das Defizit, das ein verloren gegangener Vater hinterlässt, bedeutet Schmerz, Trauer und Einsamkeit.“ Kinder vermissen männliche Vorbilder. Auch im Kindergarten und in der Volksschule begegnen ihnen zu wenige Männer, die ihr Bedürfnis nach Ersatzvätern befriedigen könnten. Mütter, die ihre Kinder alleine erziehen, stehen unter großem Druck: sie kümmern sich um die Kinder, sichern das Familieneinkommen, erleben selbst den Verlust des mit-verantwortlichen Erziehungspartners – des Kindesvaters – und versuchen die Abwesenheit des Vaters auszugleichen. Väter, die – nach Scheidung oder Trennung – die gemeinsame Wohnung verlassen haben und ihre Kinder am Wochenende treffen, fühlen sich oft als Giroväter oder Unterhaltungsväter: gut für den Rummelplatz oder den neuen Kinofilm, aber ausgeschlossen aus dem Erziehungsalltag. Genau jenem Alltag, in dem sich die Mütter mühen und denken: „Der Vater hat es gut, ihm bleibt der Kleinkram der Erziehung erspart, er kann mit unseren Kindern die Unbeschwertheit leben.“ Beide Positionen sind nachvollziehbar, eines aber übersehen Vater und Mutter: das Kind leidet unter der geringen Präsenz des Vaters, mehr als es sich die Eltern vorzustellen vermögen. Horst Petri hat in seinem Buch „Das Drama der Vaterentbehrung“ eindeutig Position für die vom Vater verlassenen Kinder bezogen und lenkt eindringlich den Blick auf die kindlichen Seelenlandschaften. Daneben fordert er geänderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen zur Verhinderung und zur Heilung des Traumas der Vaterentbehrung.
Grundrecht des Kindes
„Wenn Eltern, die sich als Paar getrennt haben, erkennen, dass Kinder im Sinne der ganzheitlichen Persönlichkeit das ergänzende Beziehungsgefüge zu Mutter und Vater benötigen, werden Blockierungen gelöst“, betont Horst Petri. „Mutter und Vater ergänzen einander in ihren Unterschieden: je nach Entwicklung des Kindes braucht es einmal mehr den Vater, dann wieder mehr die Mutter. Wichtig ist aber die Präsenz des jeweilig anderen, nicht das gegenseitige Schlechtreden und Abwerten.“ Positive Bindungen an andere Menschen – Freunde, Großeltern, Stiefväter, Freunde – wirken hier heilend. Die Sicherung der Beziehung des Kindes zu seinem Vater „kann nur gelingen, wenn das Bewusstsein dafür wächst, dass das Recht auf Mutter und Vater ein Grundrecht jedes Kindes ist.“
Christina Gastager-Repolust
- Buchtipp: Horst Petri, Das Drama der Vaterentbehrung. Verlag Herder, 2002. 223 Seiten, 9,90 Euro.