Als junge, sehr eifrige Pastoralassistentin versuchte ich einmal, mit einem Mitarbeiter in der Pfarre einen Gesprächstermin zu vereinbaren. Unsere beiden Terminkalender waren so voll, dass es einige Zeit brauchte, bis wir etwas Passendes ausgehandelt hatten. Da stand er plötzlich auf und sagte betroffen und verärgert: „Wenn es bei euch in der Kirche nicht anders ist als bei uns, was suche ich denn da eigentlich?“ Und er ging ohne sich zu verabschieden.
Es sind fast 15 Jahre seitdem vergangen. Noch immer ist es für mich eine der größten Herausforderungen als Christin, eine Lebens- und Arbeitskultur zu finden, wo das, was ich von Jesus und der „Frohen Botschaft“ begriffen habe, immer wieder neu einen passenden Ausdruck findet mitten in meinem ganz konkreten Alltag: als Frau, als Ehegefährtin, als Mutter, als Kollegin, gegenüber den Vorgesetzten und den vielen Menschen, denen ich begegne.
Sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen . . . Bei euch muss es anders sein . . .“ ist einerseits eine Zusage, die mich ermutigt. Da erwartet sich jemand etwas von Menschen, die versuchen nach dem Evangelium zu leben. „Sie lassen sich gern Rabbi (Meister) nennen . . .“ Ja, es gibt mir eine gewisse Sicherheit und Überlegenheit, mich auf Jesus und seine Botschaft berufen zu können, auf dieses große Geheimnis des Glaubens, in dem ich vertrauen und hoffen gelernt habe, von Anfang an von Gott geliebte/r und wertvolle/r Frau/Mensch zu sein. Andererseits weiß ich gerade angesichts dieser „Herkunftswirklichkeit“ um die unheimliche Chance als Christen, dann auch nach diesem Bild anders, neu, freier, liebevoller . . . zu leben. Aber gerade deshalb spüre ich tagtäglich schmerzvoll, wie wenig wir tatsächlich davon umsetzen im Alltag, der sich nach anderen „Gesetzen“ ausrichtet.
Nur einer ist eurer Lehrer, Christus.“ Nur wenn ich Lernende bleiben darf, finde ich den Mut, gemeinsam mit meinem Freund von damals, dranzubleiben, um bei Christus in die Schule zu gehen. Um zu lernen, mein Leben (meinen Terminkalender) so zu ordnen, dass alles den richtigen Stellenwert bekommt: dass neben dem Engagement und der Begeisterung für den Beruf Zeit und Kraft genug bleibt, um zu schlafen, spazieren zu gehen, nachzudenken über mich und die, die ich eigentlich bin; dass Zeit bleibt zu staunen, zu danken, zu lieben . . . dass Zeit bleibt, wenn mich jemand braucht, dass die Freude bleibt, mich vor Gott hinzusetzen, um mich auszurasten und mich ansehen zu lassen in der Gewissheit, dass ich weder mir noch Gott etwas vorzumachen brauche.
Claudia Hasibeder, verheiratet und Mutter von drei Kindern, ist Pastoralassistentin und Bildungsreferentin der kfbö der Diözese Linz.