Die Antworten der Parteichefs auf die Frage von Bischof Klaus Küng
Ausgabe: 2002/45, Wahl, Partei, Familie, Küng,
05.11.2002
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Die Frage: In Österreich sind in den letzten zehn Jahren die Geburtenzahlen dramatisch zurückgegangen. Untersuchungen zeigen, dass viele Paare ihre ursprünglichen Kinderwünsche nicht realisieren, weil sie erleben, wie schwierig es ist, Familien- und Berufsarbeit unter einen Hut zu bringen. Welche Maßnahmen wollen Sie setzen, um hier den Familien konkret zu helfen – z. B. durch eine stärkere Anerkennung der Familienarbeit (Erziehung, Pflege etc.), familienfreundliche Betriebe und Arbeitszeiten, Qualifizierung während und nach der Karenz …?
Wolfgang Schüssel: Wir wollen, dass sich jede Frau in Österreich darauf verlassen kann, einen Platz zur Betreuung ihres Kindes vorzufinden, wann immer sie ihn braucht. Das ist ein wesentlicher Schlüssel zur besseren Vereinbarkeit. Die Kosten für die Kinderbetreuung werden wir steuerlich entlasten. Die Betreuung durch Tagesmütter ist zu forcieren, neue Berufsbilder (z. B. Mitarbeiterin in Tagesheimstätten) sind zu entwickeln.
Für eine familienfreundlichere Arbeitswelt muss die Wirtschaft verstärkt als „Verbündeter“ der Familien gewonnen werden. Gemeinsam müssen Arbeitszeitmodelle und Arbeitsabläufe erarbeitet werden, die sowohl den Interessen berufstätiger Eltern als auch denen des Unternehmens gerecht werden. Studien zeigen: Familienfreundlichkeit in Unternehmen zahlt sich aus.
Für den beruflichen Wiedereinstieg nach längeren Unterbrechungen der Erwerbstätigkeit, insbesondere durch Kindererziehung und Pflegetätigkeiten, soll es Förderungen geben. Für Wiedereinsteigerinnen, deren Beruf am Arbeitsmarkt nicht mehr nachgefragt wird oder massive Weiterentwicklungen erfahren hat, sollen Umschulungsprogramme überprüft, weiterentwickelt, neu konzipiert und beworben werden. Die Zeit des Bezugs von Kinderbetreuungsgeld soll verstärkt zu beruflicher Weiterbildung genutzt werden. Gleichzeitig muss der Anreiz für Unternehmen gestärkt werden, zurückkehrende (weiter)qualifizierte Arbeitnehmer/-innen wieder zu beschäftigen.
Alfred Gusenbauer: Internationale Vergleiche weisen nach, dass ein enger Zusammenhang zwischen den besseren Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf und einer höheren Geburtenrate besteht. Eine eigene Frauenministerin soll den Frauen, die das wollen, das Nebeneinander von Kind und Job fair und chancengleich lebbar machen. Ein Maßnahmenmix soll das ermöglichen: Das Kindergeld soll verbessert werden, die Studiengebühren gestrichen, die Qualifizierungsmaßnahmen für den beruflichen Wiedereinstieg ausgebaut, die Kinderbetreuungseinrichtungen in ausreichendem Maß zur Verfügung gestellt und eine eigene Pension für Frauen unabhängig vom Einkommen des Mannes eingeführt werden. Die Frage der Kinderbetreuung und kinderfreundlicherer Arbeitszeiten sind besonders wichtig.
Alexander Van der Bellen: Den Änderungen der gesellschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Rahmenbedingungen muss Rechnung getragen werden, indem alle nur erdenklichen Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gesetzt werden. Dazu gehört einerseits der flächendeckende Ausbau von qualitativ hochwertigen Kinderbetreuungseinrichtungen, besonders auch für Kinder unter 3 Jahren. Andererseits müssen die Karenzleistungen (Zeit und Geld) viel flexibler in Anspruch genommen werden können, damit es den Betreuungspersonen leichter möglich ist, mit dem Arbeitsmarkt in Kontakt zu bleiben. Qualifikationsangebote während und nach der Karenz müssen verstärkt und den Bedürfnissen angepasst werden. Das Mitspracherecht der Arbeitnehmer/-innen bei der Gestaltung der Arbeitszeit muss gewährleistet werden. Eine familienfeindliche Ausweitung von Betriebszeiten lehnen wir ab.
Herbert Haupt: Grundsätzlich ist es immer schwierig, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Daher hat der Staat die größtmögliche Unterstützung zu leisten. Dazu zählt, dass Familienarbeit wenigstens teilweise abgegolten wird. Deshalb halten wird das auf unsere Initiative eingeführte Kinderbetreuungsgeld für alle Mütter (Väter) für eine epochale familienpolitische Leistung. Dadurch wurde der alte Lastenausgleich zu einem Leistungsausgleich weiterentwickelt. Deshalb sollte es bei Mehrlingsgeburten auch Betreuungsgeld für jedes Kind geben.
Für die FPÖ ist das Zukunftsbündnis zwischen Erwachsenen und Kindern der Mittelpunkt, um den wir Arbeit und Freizeit organisieren. Deshalb treten wir für folgende Maßnahmen ein: Es ist Aufgabe der öffentlichen Hand, die Erziehungs- und Beziehungskompetenz in der Familie durch Begleitung, Beratung und Elternbildung zu stärken. Die Verfügbarkeit von Elternzeit bei Berufstätigkeit und der Ausbau der Nachmittagsbetreuung im Pflichtschulbereich müssen intensiviert werden. Die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit sollte selbstverständlich werden.Es ist darauf zu achten, dass jungen Familien zu vertretbaren Preisen Wohnraum zur Verfügung gestellt wird.