Bischofssekretär in Blantyre wurde Opfer politisch motivierter Gewalt
Ausgabe: 2002/45, Malawi, Islam,
05.11.2002
- Walter Achleitner
Der Hunger hält Malawi im Würgegriff. Doch Präsident Bakili Muluzi will seine Macht mit allen Mitteln ausbauen.
Noch ist der Konflikt zwischen der Regierungspartei und den elf Millionen Einwohnern Malawis um die politische Zukunft des südafrikanischen Landes nicht entschieden. Aber so einfach, wie sich Bakili Muluzi die Änderung der Verfassung zu seinen Gunsten vorgestellt hatte, scheint es für den 59-jährigen Staatspräsidenten doch nicht zu laufen.
Unter den zehn Ärmsten
Im Juli fehlten Muluzi im Parlament von Lilongwe nur drei Stimmen dazu, um nach zehn Präsidentenjahren auf Lebenszeit weiterregieren zu können. Deshalb wurde zum Auftakt nach der parlamentarischen Winterpause für Mitte Oktober ein weiterer Anlauf der Regierungspartei UDF angekündigt. Die dritte Amtszeit sollte nun auf fünf Jahre befristet werden, doch auch dagegen regt sich heftiger Widerstand.
Am deutlichsten haben die christlichen Kirchen ihre Ablehnung formuliert. In einer gemeinsamen Erklärung vom 11. Oktober sprechen sie sich nicht nur gegen die Verfassungsänderung aus. Vielmehr kritisieren sie, dass Muluzis Regierungsjahre zu noch größerer Armut geführt haben. Heute zählt das Land zu den zehn ärmsten der Welt. Schlechte Wirtschaftspolitik sowie Missmanagement seien Ursachen für die hohe Arbeitslosigkeit und den Hunger, unter dem drei Millionen leiden.
Priester als Zielscheibe
Die Erklärung, die Erzbischof Ziyaye als Vorsitzender der katholischen Bischofskonferenz mit unterschrieben hat, geht auch auf die wachsende Gewalt ein. Nicht nur Politiker, die sich öffentlich gegen die Verfassungsänderung stellen, wurden Opfer von Übergriffen. Auch Vertreter der Kirchen wurden zuletzt angegriffen.
Prominentestes Opfer ist der engste Mitarbeiter von Erzbischof Ziyaye in Blantyre. Am 6. Juni gegen sieben Uhr abends war der Priester Enock Kanjira von fünf Männern aus dem Auto heraus entführt und nackt an einen Baum gefesselt worden. Der Bischofssekretär, der vor allem bei öffentlichen Gebetsversammlungen mit Zehntausenden Teilnehmern als exzellenter Prediger gilt, sollte verstummen. Doch er überlebte die Nacht unter Schakalen. Nur die polizeilichen Ermittlungen blieben bisher ergebnislos.
Wenige Tage nach dem Vorfall im Süden wurde im Norden der Hauptstadt Lilongwe ein Ordensmann Ziel der Einschüchterung. Doch es waren nicht Mitglieder der „Jungen Demokraten“, einer Organisation der Regierungspartei UDF, sondern Polizisten, die gegen Agostin Matola vorgingen. Der Karmelit war in seiner Pfarre in Kasungu verhaftet und mehr als 24 Stunden inhaftiert worden.
Unglaubliches ist passiert
Dass die Erklärung Gehör findet, dafür sorgten die Kirchen. In einer einmaligen Aktion wurde sie am 20. Oktober landesweit in allen Kirchen verlesen. Und entgegen den Ankündigungen steht die Verfassungsänderung nun doch nicht auf der Tagesordnung für die 192 Parlamentarier. Und weil „der Präsident nicht die Macht hat, Gesetze zu erlassen“, wie es im Richterspruch heißt, ist am 24. Oktober das Unglaubliche passiert: das Oberste Gericht hat einen Präsidentenerlass aufgehoben. Im Juni hatte Muluzi alle Demonstrationen für oder gegen ihn verboten. Gleichzeitig wies er Armee und Polizei an, mit allen entsprechend umzugehen, die dagegen verstoßen. Ein Verbot, von dem selbst kirchliche Prozessionen betroffen waren.
Hintergrund
Islam gewinnt an Einfluss
In Malawi gelten die roten Backsteinkirchen als Symbole für den Einfluss christlicher Missionare. Und 80 Prozent der Einwohner bekennen sich heute zum christlichen Glauben. Wer das Land besucht, dem kann eine rege Bautätigkeit kaum entgehen: selbst in entlegendsten Dörfern entstehen Moscheen. Als Großbaustelle gestaltet sich jedoch der Bau in Blantyre. Dort wird neben der katholischen Kathedrale die größte Moschee Malawis gebaut – aus weißen Ziegeln.
Auch Bakili Muluzi, der den Diktator Hastings Banda 1994 ablöste, ist Moslem. Ihm ist zwar die Sprache der Christen vertraut, denn er besuchte eine Schule italienischer Missionare. Aber seinen Amtseid legte er auf den Koran ab. Kritiker werfen ihm vor, dass die wichtigsten der 39 Ministerien ausschließlich von Moslems geführt werden. Für weitere Aufregung sorgt der staatliche Rundfunk: gab es bisher am Sonntag eine Stunde Sendezeit für die Kirchen, so wurde diese halbiert. Zusätzlich zu den 30 Minuten am Sonntag steht auch das gesamte Freitagsprogramm im Zeichen des Islams. Der nächste Schritt, so ein Kircheninsider, werde dem Religionsunterricht gelten. Bald soll die Bibeleinführung durch einen Islamunterricht ersetzt werden.