In einer jüdischen Legende wird von einem Rabbi erzählt, der seine beiden Söhne vermisst. Immer drängender wird seine Angst um seine Kinder. Da erzählt seine Frau ihm eine Geschichte. „Vor etlichen Tagen kam ein Fremder zu mir und gab mir ein Pfand, damit ich es bewahre. Es waren zwei Perlen von großer Schönheit, und ich hatte meine Freude an ihnen, als wären sie mein. Heute nun ist der Fremde wiedergekommen und hat sein Pfand zurückverlangt. Soll ich es ihm wiedergeben? Denn auch du hattest es dir angewöhnt, das Pfand als dein Eigentum zu betrachten!“ „Wie kannst du zögern, anvertrautes Gut zurückzugeben?“, antwortete der Rabbi streng. Die Frau aber hatte versucht, dem Rabbi nahe zu bringen, dass seine Söhne gestorben waren. „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen. Der Name des Herrn sei gelobt!“
Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an: dem einen gab er fünf Talente, dem anderen zwei und dem dritten eines. Fremdes Eigentum – meine eigenen Kinder, mein „Silbergeld“, mein Haus, meine Begabungen, meine Pläne und Leistungen . . . ? Ist das nicht ein Gott zum Fürchten, wenn ich Angst haben muss, dass er zurückfordert, was er mir gegeben hat? Mit dem Himmelreich ist es wie . . .
Ich verstehe beide Geschichten nicht als Angstgeschichten, sondern als Einladung, unser Selbstverständnis als Menschen vor Gott zu hinterfragen. Wenn Jesu Geschichte mit dem Hinweis auf das Himmelreich beginnt, so ist das eine Einladung zu einer Vision, zu einem „Gedankenexperiment“ und heißt so viel wie: wenn Gottes Herrschaft anbricht, wenn Gott für dich lebendig ist, wenn du geglücktes Leben in den Augen Gottes suchst, dann versuche zu verstehen, dass du zuerst Beschenkte bist, „Begabte“ mit Gottes eigenem Vermögen und Beauftragte, es gut zu verwalten.
Dann wirst du dich voll Staunen und Dankbarkeit von Gottes Zutrauen in dich ermutigen lassen. Dann weißt du, dass du überreich beschenkt bist. Dann ist es genug, wenn du rechtschaffen deinen Teil dazu tust und du musst nicht aus fünf Talenten fünfzig oder fünfhundert erwirtschaften. Dann kannst du nicht mehr nur in die eigene Tasche wirtschaften.
Dann wirst du dein Vermögen nicht verstecken oder gering achten, es zurückhalten, es vergraben im Loch wie der Mann im Gleichnis. Denn das bewirkt ein Leben in Angst, in Einsamkeit und Finsternis.Wenn du aber das dir Zugemessene als Gottesgeschenk achtest und voll Freude damit lebst, dann wirst du es, wenn es sein muss, auch loslassen und zurückgeben können; so wirst du Teilhaber/-in sein an der Freude des Herrn.
Claudia Hasibeder, verheiratet und Mutter von drei Kindern, ist Pastoralassistentin und theologische Assistentin der kfb der Diözese Linz.