Otto von Habsburg im Kirchenzeitungs-Interview über ein starkes Europa und seinen Glauben
Ausgabe: 2002/47, Paneuropa, Monarchie, Habsburg,
19.11.2002
- Hans Baumgartner
Otto von Habsburg hat sich über Jahrzehnte für ein freies und geeintes Europa eingesetzt. Zu seinem 90. Geburtstag befragte ihn die Kirchenzeitung zur Zukunft Europas und über seinen Glauben.
Bereits am Ende des Krieges haben Sie sich für eine gerechte Neugestaltung Europas eingesetzt. Gekommen ist eine lange und spannungsreiche Teilung in Ost und West. Was bedeutet für Sie die bevorstehende Erweiterung der EU? Otto von Habsburg: Seit Jahrzehnten habe ich mich, beginnend mit Österreich, für die Freiheit der Völker in Europa eingesetzt. Die bevorstehende Erweiterung der Europäischen Union ist für mich eine wunderbare Sache, ein lang ersehnter großer Schritt nach vorne. Ich hoffe sehr, dass dadurch zusammenwächst, was zusammengehört. Für mich ist es immer eine große Freude, wenn ich über eine Grenze fahre, die verschwunden ist.
Als Europa werden wir in einer nach wie vor sehr gefährdeten Welt nur erfolgreich sein, wenn wir als Gemeinschaft auftreten. Für mich ist die EU daher an erster Stelle ein Sicherheits- und Friedensprojekt. Nur dort, wo die Leute in Sicherheit und Freiheit leben, ist in der Folge auch wirtschaftlicher, sozialer und politischer Fortschritt möglich.
Sie waren 20 Jahre Abgeordneter des Europäischen Parlaments. Was müsste aus Ihrer Erfahrung geschehen, damit die Erweiterung zu einem Erfolg wird? Habsburg: Von den Mitgliedsländern der EU erwarte ich vollen Einsatz für die Beitrittskandidaten, nicht dieses kleinliche Erbsenzählen, wo jeder nur schaut, diese oder jene Subventionen und Vorteile für sich zu retten. Das ist eine große Gefahr, denn es entmutigt die Menschen in den Beitrittsländern. Und es entspricht nicht der Realität, denn wenn man für die geplante Erweiterung der EU eintritt, dann tritt man auch für die Zukunft Österreichs und der anderen EU-Länder ein.
Was die zukünftige Verfasstheit der EU angeht, worüber jetzt der Reformkonvent berät, so kommt der Verwirklichung des Subsidiaritätsprinzips eine zentrale Bedeutung zu. Denn wenn wir erreichen, dass die größeren Einheiten niemals Aufgaben übernehmen, die die kleineren Einheiten (bis zu den Gemeinden) zufrieden stellend erfüllen können, dann werden wir ein Europa haben, das groß sein wird, das aber auch frei sein wird – und mit dem sich die Bürger identifizieren können. Wir haben im Maastrichter Vertrag das Subsidiaritätsprinzip verankert, nur die Politiker müssten es auch ernsthaft umsetzen. Ich habe oft genug erlebt, dass Politiker nur dann die Subsidiarität anwenden, wenn es um Instanzen über ihnen geht, und sie denjenigen, die unter ihnen stehen, nicht geben wollen.
Und lassen Sie mich noch eines sagen: Die Probleme, die bei der Gestaltung Europas auftreten, zeigen, dass die Prinzipien der katholischen Soziallehre wie Solidarität, Subsidiarität und Personalität (Würde und Verantwortung des Einzelnen) gerade heute wieder hochaktuell sind.
Von Österreich hat die Paneuropabewegung ihren Ausgang genommen. Heute hat man nicht den Eindruck, dass Österreich die Erweiterung mit großer Leidenschaft fördert. Wie sehen Sie das? Habsburg: Es ist leider so, dass Österreich durch seine halbherzige Politik einigen Kredit bei seinen Nachbarländern verspielt hat. Diese haben sich zu Recht auf Grund der geschichtlichen Verbundenheit und der geografischen Nähe eine tatkräftige Unterstützung für ihre Beitrittsbemühungen erwartet. Bekommen haben sie ein kleinkariertes Taxieren und Feilschen um diesen und jenen wirtschaftlichen Vorteil. Das ist ein Armutszeugnis für die Politik, denn die Bevölkerung hat wiederholt gezeigt, dass man in kritischen Zeiten mit ihr rechnen kann – etwa nach dem ungarischen Freiheitskampf oder dem Prager Frühling. Besonders bedauere ich, dass es immer noch Politiker in Österreich gibt, die mit beitrittsfeindlichen Parolen (hohe Kosten etc.) und Vetodrohungen auf Stimmenfang gehen, obwohl sie wissen, dass Österreich zu den großen Nutznießern der Erweiterung zählen wird.
Seit 30 Jahren sind Sie Präsident der Paneuropabewegung. Ein zentrales Anliegen der Bewegung ist die Aussöhnung der Völker. Wie sehen Sie die Streitfrage Benes-Dekrete und welche Vision haben Sie für den Balkan? Habsburg: Die Benes-Dekrete enthalten eine Reihe von Bestimmungen, die geradezu eine Vergewaltigung der Grundprinzipien Europas sind. Ich bin dagegen, Tschechien die Aufnahme in die EU zu verweigern, solange die Causa Benes-Dekrete nicht geregelt ist; aber ich vertrete die Meinung, dass nicht nur Österreich und Deutschland, sondern die EU insgesamt mit aller Kraft darauf insistieren sollte, dass wenigstens die vier besonders argen Paragraphen aufgehoben werden. Es schadet Europa, wenn das nicht geschähe.
Was Südosteuropa angeht, vertrete ich die Auffassung, dass alle Länder des Kontinents, die sich den europäischen Grundprinzipien verpflichtet fühlen, auch ein Recht haben, zu Europa zu gehören. Dazu müssen die Völker selber ihren Beitrag leisten. Aber auch die EU, die in Europa eine bestimmende Rolle spielt, ist gefordert, dass man diesen Ländern eine ernsthafte Perspektive der politischen und wirtschaftlichen Annäherung bietet. Außerdem müsste Europa die Anstrengungen, in dieser Region Versöhnung und Frieden zu schaffen, erheblich verstärken. Bisher hat man diese konfliktträchtige Region eher als Reservat für abgetakelte Politiker betrachtet. Dabei kann nicht allzu viel herauskommen.
Welche Rolle in einer europäischen Friedensordnung kommt Ihrer Meinung nach Russland zu? Was ist da zu erwarten? Habsburg: Es wäre falsch, Russland in die EU hereinzuholen. Das hat eine ganz andere politische Struktur und ist selber ein Völker und Kontinente übergreifendes Staatengebilde. Das würde die EU erdrücken. Anders wäre die Situation, wenn Russland seine asiatischen Kolonien in die Freiheit entlassen würde. Ich bin für korrekte Beziehungen zwischen EU-Europa und Russland. Die derzeitige EU-Politik aber geht mir zu weit: Wir geben einerseits hohe Kredite und schweigen andererseits zu den nationalistischen und autoritären Tendenzen der Putin-Regierung und zum Vernichtungskrieg Russlands gegen das tschetschenische Volk.
Was hat es für Sie persönlich bedeutet, als Sie 1966 erstmals wieder nach Österreich einreisen durften? Habsburg: Es war ein harter Kampf, ich war froh, als wir ihn gewonnen hatten. Für mich war das ein Kampf für die Rechte aller Bürger. Das hat mich auch motiviert, ihn durchzutragen.
Welche Bedeutung hat für Ihr persönliches und Ihr politisches Leben der Glaube? Habsburg: Der Glaube ist für mich der feste Grund, der mir im Auf und Ab des Lebens wirklich einen inneren Halt gegeben hat und gibt. Deshalb habe ich mich immer bemüht, dem Vorbild meiner Eltern folgend meinen Glauben zu leben. Auch wenn das als Politiker manchmal nicht gefragt ist, christliche Positionen durchzuhalten, so merkt man am Schluss doch, dass es richtig ist.
Mehrere Kirchen haben die EU aufgefordert, einen Bezug auf die christlichen Werte in die Verfassung aufzunehmen. Wie sehen Sie das? Habsburg: Ich bin absolut dafür. Ich habe damals als deutscher Abgeordneter die erste Unterschriftensammlung dafür gestartet. Europa ist bis heute stark von christlichen Grundwerten geprägt und es wird diese Werte in Zukunft dringend benötigen.
Kirchen aus acht Ländern planen einen mitteleuropäischen Katholikentag mit einer gemeinsamen Wallfahrt nach Mariazell. Wie finden Sie diese Idee? Habsburg: Ich höre zum ersten Mal davon, aber ich finde diese Idee wunderbar. Die Kirchen haben Europa viel zu geben – und wenn sie es gemeinsam tun, ist das nicht nur für den Glauben gut, es verbindet auch die Menschen. Wenn ich kann, würde ich da gerne mit dabei sein.
Interview: Hans Baumgartner
Zur Person:
Otto von Habsburg-Lothringen wurde am 20. November 1912 als erstes von acht Kindern des späteren Kaiserpaares Karl und Zita in Reichenau an der Rax geboren. Als Kind erlebte er Exil und Verbannung. Nach seinem Studium in Löwen (Belgien) schloss sich Habsburg 1936 der Paneuropabewegung an und kämpfte gegen den Anschluss Österreichs. Vor Hitler musste er nach Amerika fliehen. 1951 heiratete er Regina von Sachsen-Meinigen und zog 1954 nach Pöcking am Starnberger See. 1972 wurde Habsburg Präsident der Paneuropabewegung. Von 1979 bis 1999 war er Abgeordneter des Europäischen Parlaments.