Nach dem Motto „Schwerter zu Pflugscharen“ gehen in Großbritannien Christen gegen Atomraketen auf die Straße. Die Haltung ihrer Regierung im Irak-Konflikt bezeichnen sie als Heuchelei.
„Wir sind herausgefordert, den Zusammenhang verständlich zu machen zwischen einem Krieg im Irak und der Tatsache, dass unser Land über Atomraketen verfügt“, meint Helen Steven. Und das Mitglied von „Trident-Pflugscharen“ aus Schottland erklärt warum: „Wir sprechen dauernd von Massenvernichtungswaffen im Irak. Aber das ist heuchlerisch. Denn von den Massenvernichtungswaffen in unserem eigenen Land spricht niemand. Darüber hinaus besteht bei einem Krieg gegen den Irak die ernste Gefahr: wird die nukleare Schwelle überschritten – worum ich allerdings bete, dass es nicht geschieht –, dann werden wahrscheinlich britische Atomraketen zum Einsatz kommen“, meint Helen Steven.
Werftblockade
Bei den Protestaktionen von „Trident-Pflugscharen“ heißt es deshalb seit Monaten auf den Plakaten: „Feuert keine Trident auf den Irak.“ Erst am Montag dieser Woche waren die Transparente im südenglischen Plymouth zu sehen. „Trident-Pflugscharen“, die 2001 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurden, hatten aufgerufen, die Werft von Devonport zu blockieren. Dem „Block the Dock!“ folgten an die 1000 Demonstranten. Von 6.30 Uhr an legten sie für Stunden die Zufahrt zur Werft der königlichen Marine lahm. In den Docks des einst größten Kriegshafens wird die „HMS Vanguard“ überholt, eines von vier atomgetriebenen U-Booten, die mit Atomraketen bestückt sind. Deren tödliches Arsenal ist 1000-mal stärker als jene Bombe, die 1945 in Hiroschima 200.000 Menschen getötet hat.Wie viele Teilnehmer bei dem Protest in Devonport verhaftet wurden, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. 160 waren es 2001 bei einer vergleichbaren Aktion in Faslane. Der schottische Marinestützpunkt ist der Heimathafen der vier Todbringer.
1790 Verhaftungen
Dabei gelten bei Pflugschar-Aktionen strenge Regeln. Wer teilnimmt, muss zuvor ein gewaltfreies Training besuchen. Das Alkoholverbot ist selbstverständlich. „Mittlerweile lernt auch die Polizei uns zu verstehen“, sagt Ellen Moxley. Und sie erzählt von zwei Frauen, die in Faslane verhaftet werden sollten, weil sie sich bei der Blockade mit ihren Rollstühlen zusammengekettet hatten. „Bis ein rollstuhltauglicher Arrestwagen kam, haben sie mit den Polizisten gesprochen. Als endlich der Einsatzwagen da war, sagten sie: ,Wir können diese Frauen nicht verhaften, denn sie vertreten ganz normale Ansichten.‘ Und die Polizisten gingen weg.“
Dass es nicht immer so glimpflich abläuft, davon weiß Ulla Roeder zu berichten. Die ehemalige Sozialarbeiterin aus Dänemark hat in nur vier Jahren bereits neun Monate hinter britischen Gittern verbracht. Seit dem Beginn von „Trident-Pflugscharen“ im Jahr 1998 wurden bis heute 1790 Personen verhaftet. Dabei kam es zu 366 Gerichtsverhandlungen. Sie endeten mit 1675 Tagen Gefängnis und Geldbußen von über 78.000 Euro (1,074 Mill. Schilling).
Dazu zählt auch die Aktion von Barbara McGregor (33) und Brian Quail (64). Im schottischen Dorf Balloch, wo alle sechs Wochen ein Transport mit atomaren Sprengköpfen durchrollt, haben sie im November 2000 die Straße blockiert. Wegen Landfriedensbruchs wurden die beiden nun zu milden 94 und 125 Euro verurteilt. Da Brian es ablehnt, für friedliche Proteste zu zahlen, wird er auch jetzt wieder einmal für mehrere Tage ins Gefängnis gehen.
Welt würde applaudieren
Ausgerechnet am Tag vor der Gerichtsverhandlung hatte Premier Tony Blair mit Blick auf den Irak davon gesprochen, dass „Nichtstun keine Option ist“. Was Brian vor dem Richter zur Aussage verleitete: „Würden Irakis einen Transport mit Massenvernichtungswaffen aufhalten, dann würde ihnen die ganze Welt Beifall klatschen. Aber wer dasselbe in Großbritannien tut, wird von einem Gericht verurteilt.“
„Mein Einsatz steht in sehr enger Verbindung mit meinem Glauben. Atomwaffen sind für mich unvereinbar mit dem Evangelium. Ich kann nicht an einen Gott der Liebe glauben und diesen Glauben mit atomaren Waffen verteidigen. In den frühen 70er Jahren habe ich mit Ellen in einem vietnamesischen Waisenhaus gearbeitet. Diese Jahre waren der Grundstein unserer Friedensarbeit. Und wenn es heißt, als verantwortliche Bürger tragen wir Verantwortung für den Planeten Erde, dann müssen wir auch dafür etwas tun.“
Ellen Moxley:
„In Vietnam habe ich erst realisiert, was ein Krieg ist – es ist die absolute Hölle. Eine echte Wende im Kampf gegen Atomwaffen war 1996, als der Internationale Gerichtshof festgestellt hat, dass es illegal sei, Atomwaffen einzusetzen oder den Einsatz auch nur anzudrohen.“
Ulla Roeder:
„Als Sozialarbeiterin mit Obdachlosen habe ich begonnen, mich für Abrüstung zu interessieren. Es gibt einen Zusammenhang zwischen den enormen Ausgaben für Waffenentwicklung und der sozialen Armut. Bei unseren Aktionen kann ich mich hinter niemandem verstecken. Es geht um den eigenen Glauben und die eigene Überzeugung. Was du tust ist wichtig.“